Nikolaus Klein SJ: Der katholische Antisemitismus

Es gibt im Katholizismus eine unheilvolle Tradition des Antisemitismus. Ich sprach darüber mit dem Zürcher Jesuit Nikolaus Klein. Ausgangspunkt ist eine problematische Schrift eines Zürcher Jesuiten aus dem Jahr 1939.

1939 erscheint in Luzern mit kirchlicher Druckerlaubnis ein Buch mit dem verstörenden Titel: Die Judenfrage. Autor ist ein gewisser Andreas Amsee.

Das Buch ist keine theologische Abhandlung – es fasst im Grund genommen die damals geltende Lehrmeinung der katholischen Kirche zusammen. Einige Passagen aus dem Buch sind hier im Original wiedergegeben.

Die Metapher vom Ewigen Juden gehört zu den häufig bemühten Stereotypen und war auch der Titel eines infamen, antisemitischen Propagandafilmes aus dem Dritten Reich.

Der Jude als hemmungsloser Schädling – auch hier die Sprache des Dritten Reiches.

Die Argumentation, die hier gebraucht wird, wurde ebenfalls im Dritten Reich benutzt.

Erst später wird klar, dass der österreichische Jesuit Mario von Galli (1904 – 1987) , der sich später als gewandter theologischer Autor und Journalist einen Namen machte, dahinter steckte. Der Zürcher Jesuit Nikolaus Klein kannte diesen Theologen, er hat jahrelang mit ihm zusammengearbeitet und hat erst nach seinem Tod erfahren, dass Mario von Galli hinter dem Pseudonym Andreas Amsee steckt. Ein Schock für ihn.

Ich habe Nikolaus Klein am 10.November 2021 getroffen und über eine Stunde mit ihm darüber geredet. Das Gespräch ist in voller Länge wiedergegeben.

Korrigendum: Der im Gespräch erwähnte Aufsatz von Hans Urs von Balthasar erschien im Jahr 1943 in der Schweizer Rundschau.

Nikolaus Klein ist heute noch betroffen davon, dass es Antisemitismus in den eigenen Reihen gab. Und Mario von Galli war nicht der einzige. Nikolaus Klein erwähnt als weitere Namen auch Richard Gutzwiller (1896 – 1958) . Gutzwiller begleitete den rechtskonservativen Politiker James Schwarzenbach (1911 – 1994) bei seiner Konversion zum Katholizismus in den 1930er Jahren. Weiter nennt er auch Rudolf Walter von Moos (1884 – 1957), dessen Texte von seiner rassistischen Gesinnung zeugen sowie Hans Urs von Balthasar (1905 – 1988) . Balthasar gehörte in den 70er Jahren zu den bekanntesten Theologen der Schweiz und wurde auch im angelsächsischen Sprachraum weit herum rezipiert. Alle diese Theologen lebten in den 1930er Jahren unter einem Dach und waren Mitglieder der Jesuitengemeinschaft. Hans Urs von Balthasar ist später ausgetreten.

Welche Folgerungen sind nun aus diesen Fakten zu ziehen? Waren die Zürcher Jesuiten die Speerspitze des Antisemitismus in der Schweiz? – Die Frage muss verneint werden. Es mag durchaus sein, dass sich im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts Theologen mit rechtskonservativer Gesinnung beim Jesuitenorden gefunden haben. Ihre Äusserungen sind aber im Einklang mit der herrschenden Lehrmeinung der katholischen Kirche jener Zeit, wie der Freiburger Historiker Urs Altermatt dargelegt hat.

Um das zu belegen zitiert Urs Altermatt unter anderem das katholische Universallexikon «Der Grosse Herder» von 1931.

«Der Antisemitismus ist vom christlichen Standpunkt aus abzulehnen, wenn er die Juden um ihrer Blutfremdheit willen bekämpft oder sich im Kampf gegen sie unchristlicher Mittel bedient. Die katholische Kirche hat darum von jeher den Antisemitismus als solchen verworfen. […] Erlaubt ist die Abwehr des tatsächlichschädlichen Einflusses liberal-jüdischer Kreise auf geistigem (Literatur, Presse, Kunst, Theater usw.) und politisch-wirtschaftlichem Gebiet mit rechtlichen und sittlichen Mitteln, am besten durch überlegene positive Leistungen. Selbstschutz gegen die
wirtschaftliche Übermacht des liberal-jüdischen Warenhaus-, Börsenund Grossbankwesens, die den gewerblichen und kaufmännischen Mittelstand erdrückt, gewährt namentlich die Pflege christlichen Solidaritätsgefühls.»


«Der Grosse Herder» 1931 (S.726), zitiert nach Urs Altermatt: Vom Antisemitismus der Schweizer Katholiken in der Zwischenkriegszeit

Die Zürcher Theologen befanden sich in bester Gesellschaft, davon zeugt auch die kirchliche Druckerlaubnis für das Buch von Mario von Galli 1931. Offenbar hat kaum jemand daran Anstoss genommen. Kaum? Doch, Nikolaus Kleiner schickt mir einen Aufsatz des Theologen Rudolf Walter von Moos aus der Schweizer Rundschau von 1933. Von Moos referiert dort den oben erwähnten doppelten Antisemitismus und fordert «Numerus Clausus, Warenboykott, moralische Ausräucherung jüdischer Zersetzungszellen in Presse, Literatur, Theater…[…] sind ein Gebot der Stunde.»

Ein gewisser Justus – dahinter steckt wohl ein Redaktor der Zeitschrift – wendet sich in der Folge gegen diese Forderungen und erklärt klipp und klar: «Vom allgemein-ethischen wei vom religiös-christlichen Standpunkt aus gibt es also nichts, gar nichts, was den Antisemitismus irgendwie rechtfertigen würde. »

Von Moos nimmt in einer Replik Stellung zu diesem Schreiben und wiederholt seine Forderungen:

«Es bleibt besonders die Frage übrig: Was indessen? Was jetzt? Was vor allem gegenüber dem ganz ungeheuren Schaden, der durch die Amoral so vieler Juden, zum grossen Leidwesen der Besten aus den eigenen Volksgenossen, sowohl in der Wirtschaftspraxis als besonders auch auf dem Gebiet der Weltanschauung in Presse, Literatur, Theater, Kino usw.innerhalb der Gastvölker, auch in der Schweiz gestiftet wird? Da verlangt die Abwehr der unheilvollen Einflüsse, die Sauberkeit und gelegentlich sogar die Notwehr, dass man sich dagegen stemmt wie gegen alles Böse…[…]. Das ist kein Antisemitismus …[…]..sondern gesunde Selbstbehauptung und einfache Christenpflicht. »

Und wie wenn das noch nicht genügt, legt er nach:
«Unsere Neutralität und das Ayslrecht in Ehren! Aber sollen wir wie stumme Schafe zusehen, wenn in den letzten Jahren verhältnissmässig weit mehr Juden bei uns eingebürgert wurden als andere oder wenn die Zahl der Immatrikulierten emporschnellt, z.B. an der Universität Basel von 1206 im Wintersemester um rund 450 im Sommersemster, von denen 70 – 80% Juden sind.»

Der Schweiz wird zu Recht vorgeworfen, sie habe im Zweiten Weltkrieg die Augen gegenüber den Flüchtlingen verschlossen und mit dem Abweisen an der Grenze Tausende in den sicheren Tod geschickt. In der Diskussion wurde gelegentlich auf die Angst des Landes vor einem deutschen Überfall als Argument bemüht. Nun, spätestens nach 1943 und der Schlacht von Stalingrad musste man sich diese Sorge nicht mehr machen und trotzdem blieb man bei der unmenschlichen Massnahme. Ich denke der katholische Antisemitismus, der auch von den politischen Eliten geteilt wurde, spielte eine ebensogrosse Rolle beim Verhängen dieser Massnahme. Urs Altermatt weist in seiner Studie von 1999 nach, dass die Argumente der Katholiken im Zug der Geistigen Landesverteigung zu den Argumenten der Schweizern ganz allgemein wurden (S.309). Fast niemand bemerkte die Zusammenhänge zwischen „erlaubten“ und „unerlaubten“ Antisemitismus. Und genau dies, so Altermatt, verhinderte eine weitere Solidarisierung zwischen Juden und Katholiken.

Und wer die Sprache des Theologen anschaut wird unangenehm an die heutige Diskussion erinnert, die von ganz ähnlichen Begriffen geprägt wird. Auch wenn Urs Altermatt einiges zu diesem Themenkomplex publiziert hat, so scheint mir, dass die Erkenntnisse allzu schnell in der historische Schublade verschwunden sind.

Weitere Gespräche mit Nikolaus Klein.

Literatur

Urs Altermatt. Katholizismus und Antisemitismus. Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte der Schweiz 1918–1945. Huber Verlag Frauenfeld 1999. ISBN 9783719311605. S.236, S.278.

Hans Urs von Balthasar: Mysterium Judaicum. Schweizer Rundschau Jg. 43 (1943/1944) S.211-221.

Urs Altermatt: Vom Antisemitismus der Schweizer Katholiken in der Zwischenkriegszeit. Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte. Band 92 (1998). S. 9-18. Online unter e-Periodica

Rudolf Walter von Moos: Antisemitismus und Christentum. In: Schweizer Rundschau Jg.33 (1933/34). S.106-112.

Paul Silas Peterson: The early Hans Urs von Balthasar. Historical contexts and intellectual formation. De Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-037430-8. S.135 – 227.