Zum Tod von Friedrich Kittler

In Berlin ist am 18.Oktober 2011 der Medientheoretiker Friedrich Kittler gestorben. Kittler gehört zu den Begründern der kulturwissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft. Dominik Landwehr zum Tode dieses wichtigen Denkers


Wer wie der Schreibende in den späten 70er Jahre an der Universität Zürich Germanistik studierte, war mindestens mental, weit weg von Technik, weit weg von Computer, Plattenspieler, Telefon und Telex. Die Eidgenössische Technische Hochschule ETH war zwar nur einen Steinwurf von unseren Seminarräumen entfernt. Aber die Menschen – damals vorab junge Männer – dort, lebten für uns auf einem anderen Planet und wer sich in jene heiligen Hallen wagte, besuchte höchstens dann und wann die Vorlesungen von Adolf Muschg, der dort als Professor residierte.
Und dennoch blieb Technik für mich ein obskures Faszinosum, dem ich mich heimlich widmete, wenn auch primär durch die Lektüre einschlägiger (Computer) Zeitschriften und mit zaghaften Experimenten mit dem Commodore Klassiker C64. Dass Computer auch in der Geisteswissenschaft dereinst mehr sein sollte als nur der Rechen- und vielleicht Schreibknecht, der er für Computerlinguisten und Sozialwissenschaftler darstellte, das wussten der damals 20jährige noch nicht.
Just in jener Zeit trat Kittler zum ersten Mal auf den Plan: „Austreibung des Geistes aus dem Geisteswissenschaften“ (1980) heisst sein erstes Buch. Weit mehr Aufsehen erregte seine Habilitationsschrift, die 1985 unter dem simplen Namen „Aufschreibesysteme 1800/1900“ erschien. Die Habil soll für mächtige Irritationen gesorgt haben und niemand fühlte sich zuständig oder kompetent, sie zu beurteilen. Der Legende zufolge soll seine Habilitationsschrift von nicht weniger als 13 Experten begutachtet worden sein.
Kittler wollte sich nicht mehr primär mit dem Sinn eines Textes befassen, sondern mit dessen Materialität – sei es als handschriftliches Zeugnis oder als maschinengeschriebenes Typoskript und Nietzsches Wort „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ ist für Kittler gleichsam Leitmotiv geworden.
Es gibt andere solche Leitmotive. Eines ist der Krieg, der im Kosmos des Denkers einen zentralen Platz einnimmt. Ausführlich hat sich Kittler mit der Geschichte der Chiffriermaschine Enigma oder mit der deutschen Raketenwaffe V2 befasst. Geoffrey Wintrop Young schreibt dazu:
„Die Grundvoraussetzung für den Zugang zu Kittlers Texten ist ein Gespür dafür, was hier unter völliger Missachtung herkömmlicher Gattungs- und Disziplingrenzen , zwischen Büchern, Musiken und Technologien, zwischen Drogen, Institutionen und Kriegen, Harmonien und Korrespondenzen ausgemacht werden.“(S.166)
Kittler besass ein profundes Verständnis für technische, namentlich elektronische und digitale Prozesse. Davon zeugen auch die Übersetzungen der mathematischen Schriften von Alan Turing und Claude Shannon, die er zusammen mit Bernhard Dotzler vorgelegt hat.
Wer sich mit den Texten von Kittler befassen will, braucht mehr als eine Portion Geduld. Sie erschliessen sich oft nur dann, wenn man die Anspielungen und Referenzen die Kittler macht profund kennt. Und genau das dürfte wohl nur wenigen gegeben sei. „Kittlerdeutsch“ wurde seine Sprache genannt (Young S.68), Kittler wurde der „fortgesetzten Notzucht“ an der deutschen Sprache bezichtigt. (Young S.65)
„Kittler präsentiert komplexe technologische, mathematische oder musikwissenschaftliche Sachverhalte, von denen er weiss, dass sie die grosse Mehrheit seiner geisteswissenschaftlich beheimatete Leserschaft überfordern; Die Leser wiederum wissen, dass Kittler das weiss und dass er zudem darauf besteht, dass sie es eigentlich wissen sollten…“ (S.68).
Das Werk von Friedirch Kittler muss aus heutiger Sicht wohl auch im Kontext der Identitätskrise der Geisteswissenschaften, namentlich der Germanistik gesehen werden, die in den 80er Jahren ihren Anfang nahm und bis auf den heutigen Tag nicht aufgelöst ist: „Kittler steht am Anfang einer Bewegung oder Strömung – einer Massenabwanderung in die Medien eine Flucht in die Relevanz vor den zermürbenden Selbstzweifeln und Selbstzerfleischungen, die vor allem in den 70er Jahren in der Germanistik um sich griffen (S.82).
Friedrich Kittler gehört zu den Gründerväter der Medienwissenschaft, die sich von der sozialwissenschaftlich orientierten Publizistikwissenschaft unterscheiden wollte und kultur- und medienhistorisch respektive –philosophisch argumentierte. Genau die kulturwissenschaftliche Wendung dürfte mitverantwortlich sein für das hohe Interesse, das diese hybride Wissenschaft bei den Studierenden heute geniesst, ungeachtet der diffusen Beraufsaussichten.
Kittler hinterlässt ein umfangreiches Werk; seine Schriften und seine Korrespondenz hat er bereits bereits vor seinem Tod dem Marbacher Literaturarchiv übergeben hat. Und er hat eine ganze Generation von Intellektuellen geprägt, nicht wenige davon waren seine Schülern: Bernhard Dotzler, Peter Berz, Norbert Bolz, Georg Christoph Tholen. Er hinterlässt also ein reiches geistiges Erbe.
Stellvertretend für sein Werk seien hier zwei Schriften genannt, die sich zur Einführung in Kittlers Werk eignen:
Friedrich Kittler: Unsterbliche. Nachrufe, Erinnerungen, Geistergespräche. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2004.
Geoffrey Winthrop-Young: Friedrich Kittler zur Einführung. Zürich: Junius Verlag 2004.
Youtube hält eine grössere Anzahl von Videos mit Ausschnitten von Kittlers Referaten bereit.

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