Der Schweizer Schriftsteller Niklaus Meienberg (1940-1993) hat seine Gymnasialzeit im Kloster Disentis verbracht. Diese Zeit hat ihn geprägt und er hat darüber auch einen längeren Text geschrieben. Titel „O du weisse Arche am Rand des Gebirges! (1133 m ü.M.)“. Der Titel ist kein Zufall.
Es ist ein eindrücklicher und auch sehr persönlicher Text, den Niklaus Meienberg über seine Zeit am Kollegium Disentis geschrieben hat. Er ist auf den 14.November 1985 datiert und wurde später auch in Buchform veröffentlicht. Die Südostschweiz hat den Text am 21.September 2013 aus Anlass des zwanzigjährigen Todesjubiläum nachgedruckt. Hier eine Leseprobe
«Aufstehen um viertel nach fünf. Dieser Summton! In den Schlafsälen dünstet der Jungmännerschweiss. Aufstehen, in die Pantoffeln fahren, hinausschlurfen im Pyjama in den Waschsaal, das Zahnbürstchen aus dem Schränklein nehmen, jeder hat sein eigenes mit einer Nummer, Wasserstrahl, es gibt nur kaltes Wasser, faulig schlägt’s den Halberwachten aus dem Waschtrog entgegen, der Präfekt geht auf und ab in den Gängen, Brevier lesend, ab und auf, das Zurückfluten der Zöglinge in den Schlafsaal beobachtend, hat Heilandsandalen an den Füssen, und jetzt in die Kleider gefahren, wo sind die Socken, oben im Kasten, nein, da ist die Schokolade vom letzten Liebesgabenpaket der Mutter, der lange Summton setzt aus, jetzt dreimal kurz, das bedeutet Pressieren, hinunter in den Studiensaal, dort wartet schon die Muttergottes spätgotisch und dominiert den Studiensaal, und jetzt Händefalten. Jetzt wird aber sofort gebetet.»

Kloster Disentis im Oktober 2025 – Foto Dominik Landwehr
Der Medienbeauftragte des Kloster Disentis hat uns darüber informiert, dass der Titel des Gedichtes eigentlich ein ZItat ist, das Meienberg wohl ohne Nachkontrolle machte. Schön ist es allemal: O du weisse Arche am Rand des Gebirges! (1133 m ü.M.)
Es ist der Anfang eines Gedichtes des Innerschweizer Dichter und Pfarrers Walter Hauser (1902-1963). Der Mann dürfte ausserhalb seines Heimatkantons Uri weitgehend unbekannt sein, hat aber immerhin einen kleinen Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz. Demnach empfing er 1927 nach seinem Theologiestudium in Chur die Priesterweihe, war 1928-1930 Pfarrhelfer und Sekundarlehrer in Isenthal, 1930-1939 Kaplan in Bürglen, 1939 bis zu seinem Tod 1963 Pfarrer in Sisikon. Eliane Latzel schrieb 2006 in ihrem Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz über ihn: «Der Lyriker und Schriftsteller Walter Hauser verfasste zahlreiche Werke, die sich durch eine religiöse, mystische Grundhaltung und eine eigene Bildsprache auszeichnen»
Das gilt in hohem Mass für das Gedicht, auf das sich Niklaus Meienberg bezieht. Wir zitieren die erste Strophe des Gedichtes mit dem Titel Das Kloster
Du schimmernde Arche
am Rand des Gebirges,
gezimmert aus unverweslichem Holze
der rohen Geduld:
Du birgst den verlorenen Ölzweig
des Friedens.
Im Internet stossen wir auf einen sehr persönlichen Eintrag im Blog von Karl Aschwanden, der weitere Zitate von Walter Hauser bringt. Es entsteht das Bild eines tiefgläubigen, in sich ruhenden Mannes, der im Beruf des Priesters seine Bestimmung gefunden hatte.
Primiz
O Morgen!
Bist du der Himmel,
dass du so voll Licht bist?
Ein Meer von Lilien,
dass du so voll Duft?
Ein Tod,
dass du so voll Tränen?

Hier in Istenthal war Walter Hauser in den Jahren 1928-1930 Pfarrhelfer und Sekundarlehrer. Foto Wikimedia Commons.
Ganz leicht ist ihm aber die Einsamkeit nicht gefallen, wie er später selber schrieb:
Am 15. August 1928 stand ich zum erstenmal auf der Kanzel von Isenthal, und im Oktober übernahm ich die frischgegründete Sekundarschule. Die Leute und der Pfarrer hatten Geduld mit dem jungen, offenbar etwas unpraktischen Kaplan, und ich plagte mich ehrlich und hart mit der Schule. Ich war für das Lehrfach nicht vorgebildet. Die Schüler kamen bestimmt zu kurz; aber ich glaube, die einen oder andern lernten wenigstens einen richtigen deutschen Satz zu schreiben. Ich wohnte im Pfarrhaus, und sowohl der Pfarrer wie die Pfarrhaushälterin gaben sich alle Mühe, mir ein Heim zu bieten. Nur der kleine, schwarze Hund wollte sich an mein Klavier, das einzige im Tal, nicht recht gewöhnen. Ich litt bisweilen sehr unter der Stille des Tales; aber ich hatte ja den Altar, das Klavier und den Schreibtisch. Ganz in der Nähe des Dorfes blühten ganze Wälder von Spiräen und vereinzelt auch Alpenrosen. Im Isenthal schrieb ich die meisten Gedichte der «Stufen zum Licht». Ich dachte aber nicht daran, sie zu veröffentlichen.
Dämmerung
Ich sitze im Abend.
Der Einsamkeit Purpur fällt über meine Knie,
wächst Über meinen Fuss,
fliesst Über fernste Strassen der Sehnsucht.
Zitiert aus: Alfons Müller: Eine Einführung in das Werk von Walter Hauser. Mit einer Selbstbiografie des Dichters; Kantonsbibliothek Uri 5. Jahresgabe 1958.
Wir lassen Meienberg und Hauser nun. Wir dürfen davon ausgehen, dass Niklaus Meienberg das Gedicht kannte, dass es in seinem Leben eine Rolle gespielt hat. Anders als Walter Hauser war der Rebell Meienberg nicht gläubig und doch scheinen sich hier zwei hochsensible Menschen geistig gefunden zu haben.

Kloster Disentis im Oktober 2025 – Foto Dominik Landwehr