Eine ungewöhnliche Szene – fotografiert um 1900 im Lötschental. Gefunden hab ich das Foto im Lötschentaler Museum. Es zeigt noch bis Ende März 2026 die Sonderausstellung «Foto-Paradies Lötschental»
Im Mittelpunkt des Bildes ein Brot – nicht irgend eines, sondern ein Taufbrot auf einem kleinen Schemel. Präsentiert wird es von einem Mann mit Frack und Zylinder. «Es handelt sich mit Sicherheit um den Taufpaten, der offensichtlich – um die Besonderheit des Anlasses herauszustreichen – eine schon damals historische Kleidung mit Frack und Zylinder trägt. Der Pate präsentiert die «Mitscha» (Gevatterbrot), welches er zusammen mit der Patin für das «Mitschenmahl» (Tauf-Festessen) offeriert», sagt uns Museumsdirektor Thomas Antonietti.
Der Taufpate posiert mit dem Brot für einen Fotografen in einer Soutane. Das wird der Dorfpfarrer sein. Die Aktion scheint spektakulär und nicht alltäglich gewesen sein: Rund 30 Personen beobachten die Szene, ein Drittel davon Kinder und Jugendliche. Beim genauen Hinsehen entdecken wir im Haus hinter dem Mann mit dem Frack drei weitere Gesichter, zwei kleben an einem Kellerfenster, ein drittes guckt aus dem Obergeschoss auf die Szene. Allerdings – und jetzt wird es kompliziert, gucken nicht alle auf den Fotografen oder auf das Brot. Wir wüssten nichts von der Szene, hätte nicht ein weiterer Fotograf diese Szene festgehalten: Ihn sehen wir nicht, nur das Resultat seiner Beobachtung.

Friedrich Stebler: Lötschentaler Szene um 1900. Foto: Lötschentaler Museum.
Das Lötschentaler Museum liefert uns die Auflösung. Der unsichtbare Fotograf war Friedrich Gottlieb Stebler (1852-1935). Von Beruf ist er eigentlich Dozent für Landwirtschaft, speziell für Futterbau, Ackerbau und Alpwirtschaft.

Der Agronom Friedrich Stebler, Dozent an der ETH Zürich, betätigte sich nebenbei auch als Ethnograf. Foto ETH Bildarchiv.
Nebenbei betätigte er sich als Ethnograph, vor allem in den Jahren 1893 bis 1930, wo er regelmässig im Oberwallis ist. In dieser Zeit veröffentlicht er fünf Monografien aus der Region, 1907 eine über das Lötschental. Es heisst «Am Lötschberg, Land und Volk von Lötschen», lesen wir auf Wikipedia. Das Foto ist um 1905 entstanden. Der Leiter des Lötschentaler Museums, Thomas Antonietti schreibt dazu: «Typisch für Steblers Art des Fotografierens ist seine ethnografische Haltung: Die Leute posieren so vor der Kamera, dass die einzelnen Tätigkeiten und Geräte auf dem Bild möglichst gut sichtbar werden.»
Auch der Mann in der Soutane ist kein Unbekannter im Tal. Es handelt sich um Josef Werlen (1872-1940), er war von 1902 bis 1914 Prior von Kippel, von 1914 bis 1924 Pfarrer von Leuk und ab 1924 Domherr in Sitten war, lesen wir auf den Seiten des Museums. Auch er hat sich offensichtlich ethnographisch betätigt. Tatsächlich war das Lötschental schon früh in den Fokus der Volkskundler geraten. Sie fanden hier diese Art von vermeintlich urtümlicher Landwirtschaft und Brauchtum, das sie suchten.

Porträt von Domherr Josef Werlen gemalt von Albert Nyfeler (1883-1969): Bild Lötschentaler Museum
Im 18. und 19. Jahrhundert entstand in Europa, auch in der Schweiz, ein Interesse an Volkskultur, zunächst aus persönlicher Sensibilität, später wissenschaftlich motiviert. In der Schweiz wurde dieses Interesse ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Erfassung von Märchen, Legenden, Dialekten und Alltagsobjekten geprägt. Volkskunde diente sowohl wissenschaftlichen als auch patriotischen Zwecken, indem sie die nationale Identität stärken sollte. Spätestens mit den Arbeiten von Richard Weiss (1907 – 1962) und dessen Nachfolger Arnold Niederer (1914 – 1998) endete diese Art von Beschäftigung und man wandte sich von der ideologisch motivierten Wissenschaft ab und begann die Lebenswirklichkeit der Menschen zu untersuchen.

Das Resultat der Studien von Prior Werlen: Eine Dokumentation des Taufbrotes, das im Lötschental gebacken wurde. Friedrich Stebler nutzte das BIld in seiner Monografie. Etwas weniger gut erkenntbar ist das Christus-Monogramm IHS (Jesus Hominum Salvator) mit einem Kreuz darüber.
Bild Prior Josef Werlen / Lötschentaler Museum.

Zum Taufbrot lesen wir auf Seite 96 des Buches von Stebler
„Die Taufe findet gleich am Tage der Geburt statt. Nach dieser Handlung bezahlt der Pate der Patin ein Glas Wein und diese schenkt ihm ein Taschentuch. Das Tauffessen („Mütschiummahl“) findet am ersten Sonntag nach der Taufe statt. Jeder der beiden Paten bringt zu diesem Anlasse ein 7 bis 8 Pfund schweres, kuchenartiges Brot, das nicht weniger als 3 Franken kosten darf — die „Mütschiun“ oder das „Gvatterbrot“. Durch Zusatz von reichlich Saffran ist dasselbe goldgelb gefärbt und schaut aus, als ob es der reinste „Ankenweggen“ wäre. Außerdem geben Pate und Patin ein Geschenk, bestehend aus je 3 Windeln und einem Kleidchen. In dem sich hieran schließenden Taufmahl werden die Paten entsprechend bewirtet.“
Friedrich Gottlieb Stebler: Am Lötschberg. Land und Volk von Lötschen, Monografien aus den Schweizeralpen, Zürich 1907.
Es gibt wohl über kein Tal mehr Studien als über das Walliser Lötschental. «Wir sind wohl da am besten dokumentierte Tal in den Alpen», sagt Museumsleiter Thomas Antonietti nicht ohne Schmunzeln.
Hier gibts ein Interview mit dem Leiter des Lötschentaler Museums, Thomas Antonietti