Mehr als 30 Jahre sind seit unserem letzten Besuch in der Synagoge von Tirgu Mures vergangen. Der Besuch bringt viele Erinnerungen zurück.
Im Jahr 1990 lebten wir für 6 Monate in Tirgu Mures in Siebenbürgen und verfolgten die ethnischen Spannungen im Auftrag des IKRK. Wir konnten uns vertraut machen mit der komplizierten Geschichte der Region, die in den letzten 150 Jahren zu verschiedenen Staaten gehörte: Zu Österreich-Ungarn, zu Ungarn und schliesslich zu Rumänien. Die Region war von veschiedenen Kulturen und Sprachen geprägt: Deutsch, Ungarisch, Rumänisch, vor dem Holocaust wohl auch vom Jiddischen, sicher spielt auch das Romanes, die Sprache der Roma eine Rolle.
Kurz vor unserem Abschied im November 1990 trafen wir auf eine Frau, die uns ihre Tätowierung aus dem KZ Auschwitz zeigte. Die Begegnung liess uns nicht los: Jahre später – in der Schweiz warf die Diskussion um das Nazi-Gold und die nachrichtenlosen (jüdischen) Vermögen in der Schweiz hohe Wellen. Ich konnte damals im Auftrag des Brückenbauers nach Rumänien reisen und über das Schicksal der letzten Juden in Tirgu Mures berichten. Daraus wurde die Reportage «Die letzten 100 Meter», die ich unten vollständig wiedergebe.
In jener Zeit erreichte mich die Anfrage der Stiftung für Menschlichkeit und Gerechtigeit, ob ich ein Projekt kennen würde, das sie in Rumänien unterstützen könnten. Mir fiel sofort das Dach der Synagoge von Tirgu Mures ein. Es drohte einzustürzen und damit wäre auch das Schicksal dieses Gebäude aus der Zeit um 1900 besiegelt. 30 000 Franken wurden sofort gesprochen und wir konnten das Geld nach Rumänien überweisen.
Einen weiteren Geldbetrag konnten wir für eine verarmte Frau in Bukarest finden: Ihre Familie beschützte im Zweiten Weltkrieg die Familie von Stella Sonnenschein. Sie lebte 1997 in einem Pflegeheim in Zürich und erzählte uns dort ihre Geschichte.
Wenig später konnten wir zwei Holocaust-Überlebende in die Schweiz einladen: Laszlo Grün und Carol Margulis, beide damals über 80 Jahre alt. Wir hätten auch Marta Marmor gerne bei uns gehabt, aber sie mochte nicht mehr über diese traumatische Erfahrung in ihrem Leben reden. Wir machten mehrere Besuch in Schulen mit ihnen. Die NZZ und die Basler Zeitung bericheten damals über unser Projekt, das vom Migros-Kulturprozent finanziert wurde. Eine besonders intensive Erinnerung habe ich an den kleinen und dünnen Mann Carol Margulis. Er wuchs in Czernowitz auf, der Heimatstadt des Tenors Joseph Schmidt. Carol Margulis kam mit einem uralten Koffer und wir stellten bald fest, dass sich in seinem Koffer eigentlich fast nichts befand. Aber er war der Meinung, für so eine grosse Reise, müsste er einen Koffer dabei haben. Carol Margulis hat mir noch jahrelang eine Karte zum Neujahr geschrieben und sich für die Einladung 1997 bedankt. Das sei die schönste Reise in seinem ganzen Leben gewesen. Ich weiss nicht mehr, was wir alles unternahmen, nur eine Reise nach Lausanne und einen Besuch im olympischen Museum ist mir noch geblieben. Laszlo Grün war nämlich Sportlehrer.
Dies zur Einleitung – im September 2026 also rund 30 Jahre später – ein neuer Besuch in der Synagoge. Unsere Bezugspersonen Laszlo Grün, Martha Marmor und Carol Margulis sind längst tot. Aber ihre Namen kennt man gut und zeigt uns sogar ein neueres Foto von Martha Marmor

Die Synagoge von Tirgu Mures wurde um 1900 erbaut. Sie ist heute in einem schlechten baulichen Zustand, auch wenn man das nicht sofort sieht. Das Bild entstand im September 2026. Foto Dominik Landwehr
In der Synagoge führt uns Georg Diamantstein. Er gehört zu den etwa 80 Juden, die heute noch in Tirgu Mures leben. Selber sei er nicht religiös, aber er besuche die Synagoge um Kontakt mit den wenigen Juden in seiner Stadt zu behalten. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es über 7000 oder 12 Prozent der ganzen Stadtbevölkerung. Die gesamte jüdische Bevölkerung wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Nur wenige überlebten darunter Ladislaus Grün, den wir in den 1990er Jahren in die Schweiz einladen durften. Die Stiftung für Menschlichkeit und Gerechtigkeit half mit, das Dach der Synagoge zu reparieren. Nun ist es wieder kaputt. Auch wenn bald keine Juden mehr in der Stadt leben werden, ist es wichtig das Gebäude als Mahnmal zu erhalten. Übrigens gehörte die Stadt damals zu Ungarn.



Oben: Georg Diamantstein erklärt uns die Geschichte der Synagoge. Er ist selber nicht religiös, kommt aber trotzdem oft hierher um die Mitglieder der kleinen Gemeinde zu treffen. Mitte: Die Synagoge von innen, auch hier sind die Schäden auf dem Foto kaum zu erkennen. Unten: Bis zum Zweiten Weltkrieg war es Brauch, dass die Mitglieder der jüdischen Gemeinde sich jedes Jahr einen Platz kauften. Damit konnte der Unterhalt des Gebäudes bezahlt werden. Alle Fotos entstanden im September 2026. Fotos Dominik Landwehr
Vor der Synagoge kommt es zu einer weiteren Begegnung: Eine Frau mittleren Alters spricht mit mit meinem Namen an – sie sei damals, also 1990, meine Übersetzerin gewesen. Ich erkenne sie erst, als sie mir ihren Namen sagt: Anda… ein unerwartetes Wiedersehen nach über 35 Jahren. Anda ist heute jüdisch und natürlich wäre das eine längere Geschichte…
Die jüdische Gemeinde von Tirgu Mures hat eine eigene Homepage
https://izraelsarokms.ro/index_en.php
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Und hier nun mein Text vom Herbst 1997, erschienen im Brückenbauer…unter dem Titel «Die letzten 100 Meter»
Martha Marmor ist 71jährig und wohnt in der rumänischen Provinzstadt Tirgu Mures. Sie empfängt uns zusammen mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Ladislaus Grün. An ihrem linken Arm trägt die ehemalige Lehrerin eine Tätowierung. «Der Waffen-SS-Mann hat mir zuerst die Nummer B 419 eintätowiert. Dann strich er alles durch und schrieb neu B 20419.» Martha Marmor und ihr Bruder waren beide im Konzentrationslager Auschwitz.
Ohne zu stocken, erzählt die warmherzige Frau aus jener dunklen Zeit: Vater, Mutter und die beiden Kinder mussten im April 1944 von ihrer Heimatstadt Reghin bei Tirgu Mures ins Ghetto ausserhalb der Stadt. Nach wenigen Wochen wurde die ganze jüdische Bevölkerung nach Auschwitz deportiert.

Martha Marmor, die Schwester von Ladiszlaus Grün. Wir besuchten die beiden im Jahr 1997. Foto Dominik Landwehr
Von der SS zurückgelassen
Dort fand wenige Tage später die berüchtigte Selektion durch den Nazi-Arzt Mengele statt. Er schickte die Mutter, die von den Folterungen im Ghetto gezeichnet war, auf die rechte Seite und damit in den Tod; dorthin gingen Alte, Kinder, Kranke. Dann fragte er nach dem Alter des Bruders, Ladislaus, der damals 14 war. Er sei 18jährig, antwortete der Vater an seiner Stelle und rettete ihm damit das Leben.
Wussten die drei, was mit jenen geschah, die Mengele auf die rechte Seite schickte? – «Man hat uns zwar von den Gaskammern und den Krematorien erzählt. Aber wir haben es nicht geglaubt», sagt Ladislaus Grün.
Im Winter 1944 erkrankte die damals 17jährige Martha Marmor. Sie verlor durch die Kälte zwei Zehen und wurde ins KZ-Lazarett verlegt. Die SS-Truppen liessen die junge Frau dort zurück, als sie im Januar 1945 vor den näher rückenden sowjetischen Truppen flüchteten. Hätte Martha Marmor mit den anderen Häftlingen das Lager verlassen müssen, so wäre sie wohl wie Tausende andere gestorben. Als Einheiten der Roten Armee die Kranken befreiten, wog Martha Marmor noch 28 Kilogramm.
Ladislaus Grün ist heute Sekretär der lokalen Sektion der Vereinigung der jüdischen Holocaust-Opfer Rumäniens: «Als 67jähriger bin ich einer der jüngsten», erklärt er.
Rund 600 Holocaust-Opfer leben heute noch im ganzen Land: «Hier in Tirgu Mures waren wir 1991 noch 128. Anfang Juni dieses Jahres zählten wir 63, und heute sind es nur noch 59.»
Im spartanisch eingerichteten Büro der jüdischen Gemeinde von Tirgu Mures sprechen wir mit Karl Sauber, dem Präsidenten der Gemeinde. Sauber sagt mit leiser Stimme: «Wir brauchen Hilfe für die letzten 100 Meter.» Er meint: Wer jetzt noch etwas für die Holocaust-Überlebenden tun will, muss sich beeilen.

Eine ehemalige Ziegelei am südwestlichen Rand von Tirgu Mures. Die Ziegelei dürfte heute einem Neubau gewichen sein. Das Foto entstand im Herbst 1997. Foto Dominik Landwehr
Nicht nur materielle Hilfe
Dabei denkt Karl Sauber nicht nur an materielle Hilfe für die nicht wenigen verarmten Gemeindeglieder, sondern auch an kulturelle Projekte: So hat man zwar in Tirgu Mures mit der Renovation der Synagoge begonnen. Jetzt sind die Arbeiten ins Stocken geraten: Das Dach ist undicht, und für eine Sanierung fehlt das Geld. «Es wird in dieser Stadt wohl bald keine Juden mehr geben. Wir möchten aber trotzdem, dass die Synagoge als Denkmal erhalten bleibt», erklärt Sauber.
Viele Juden fühlen sich hier vergessen. «In Israel, in den USA und sogar in Südafrika hätte ich längst eine Entschädigung von der deutschen Regierung erhalten», hören wir immer wieder.
Nicht wenige der Holocaust-Überlebenden in Tirgu Mures leben weit unter dem Existenzminimum. Mit ihrer Rente – häufig nicht mehr als 50 Franken im Monat – können sie fast nichts kaufen. Sie sind auf die Nahrungsmittelpakete der jüdischen Gemeinde angewiesen (siehe unser Interview).
Grosse Armut
Die 75jährige Susanne Diamantstein, auch sie eine Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz, ist eine dieser unterstützungsbedürftigen Rentner in der Provinzstadt Tirgu Mures. Sie lebt in einer winzigen Wohnung: «Meine Rente reicht knapp fürs Essen. Kleider kann ich mir keine kaufen.» Eine grosse Belastung, vor allem im Winter, sind die Rechnungen für Heizung, Strom und Gas: Sie fressen bis zu zwei Dritteln ihrer armseligen Rente von 50 Franken auf.
Am meisten Angst hat die zierliche alte Frau davor, krank zu werden: «Nur die einfachste Grundversorgung ist kostenlos. Wirkungsvolle, westliche Medikamente müssen wir bar bezahlen.»
Die Provinzstadt Tirgu Mures liegt mitten in Rumänien, im Landesteil Siebenbürgen. In den Jahren 1940 bis 1944 gehörte die Stadt jedoch vorübergehend, zusammen mit ganz Nordsiebenbürgen, zu Ungarn. Nachdem die Deutschen im März 1944 in Ungarn einmarschiert waren, wurden alle 150000 Juden Nordsiebenbürgens nach Auschwitz deportiert. Die meisten fanden dort den Tod.
In Rumänien herrschte der faschistische Diktator Antonescu. Unter seiner Herrschaft kam es zu zahlreichen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, vor allem im Nordosten des Landes, in Bessarabien und der Bukowina. Antonescu liess die Juden dieser Landesteile 1941 nach Transnistrien in der heutigen Ukraine deportieren.
Der 76jährige Karl Margulis stammte aus Tschernowitz und lebt heute auch in Tirgu Mures. Zusammen mit seinen Eltern wurde auch er nach Transnistrien verschleppt: «Ganze Familien standen morgens nicht mehr auf, sie waren im Schlaf vor Entkräftung gestorben.»
Das Massaker von Bukarest
In den übrigen Gebieten des Landes, dem sogenannten Altrumänien, wurden die Juden weniger systematisch verfolgt. In Bukarest kam es aber 1940 zu einem schrecklichen Massaker: Mitglieder der berüchtigten Eisernen Garden – sie entsprachen der deutschen Waffen-SS – ermordeten 127 Juden. «Im städtischen Schlachthof fand man Leichen, die wie Tierkadaver an den Haken hingen», schreibt der Holocaust-Forscher Raul Hilberg. Insgesamt wurde auf dem Gebiet des heutigen Rumänien rund die Hälfte der ehemals 800000 Juden ermordet.
Zurück in die Gegenwart. Freitagabend: Das Thermometer zeigt in Bukarest 35 Grad, am Himmel braut sich ein Gewitter zusammen. In der Synagoge findet sich eine Handvoll Menschen zum Gottesdienst mit Rabbi Yehezkeil Mark aus Israel. Auch er ist ein gebürtiger Rumäne. Den wenigen Jugendlichen hier schenkt die Gemeinde besondere Aufmerksamkeit: Kara und Kobi Tav aus Israel – beide nicht älter als 25 – sind als Freiwillige für ein Jahr in Bukarest. Wir treffen sie beim Sabbatmahl am Freitagabend, wo sie mit dem Rabbiner und den Jungen essen und hebräische Lieder singen.
Starke Auswanderung
Seit dem Krieg sind rund 400000 Juden ausgewandert, die meisten nach Israel, viele in die USA. Zurück blieben die Alten. Und auf ihre Bedürfnisse sind auch die sozialen Dienste der jüdischen Gemeinde ausgerichtet. Sie dürfen, zumal in den Staaten Mittel- und Osteuropas, seinesgleichen suchen. Nilu Aronovici, der diese Dienste leitet, führt uns frühmorgens zur Grossküche der Gemeinde. Davor stehen sechs Geländewagen zur Abfahrt bereit. Aus ihnen werden den ganzen Tag fertig gekochte Mahlzeiten und Medikamente an betagte Juden in Bukarest verteilt. Einige Schritte von der Grossküche entfernt befindet sich die Poliklinik, hier können Unterstützungsbedürftige auch Klei der beziehen.
Die Hilfsaktionen, zu 80 Prozent finanziert vom Joint Distribution Committee, bleiben nicht ohne Wirkung: «Die Lebenserwartung der Menschen unserer Gemeinde liegt rund sieben Jahre über dem landesüblichen Durchschnitt», sagt der Präsident der Vereinigung der jüdischen Gemeinden Rumäniens, Nicolaj Cajal.
Slumartiges Haus
Trotzdem, das Leben in der rumänischen Hauptstadt ist auch für jüdische Rentner schwer. Wir besuchen das Rentnerpaar Holzmann. Die beiden leben in einem slumartigen Haus in der Nähe des Flughafens. Zur Wohnung gehören eine winzige Küche und ein Schlafraum, in dem ausser einem Bett und dem Tisch nichts Platz findet. Von draussen dringt kein Licht in die Stube, stehen kann man in der Wohnung kaum. Das Ehepaar Holzmann stammt aus dem Nordosten des Landes und erlebte die Pogrome von Iasi. Karl Holzmann bricht in Tränen aus, sobald er zu erzählen beginnt. Es ist schwer, als Jude in Rumänien alt zu werden.
