Nonnen – starke Frauen im Mittelalter

Ausstellungen und Museen sind bis auf weiteres geschlossen. Kataloge sind aber erhältlich. So etwa der Katalog zur Ausstellung „Nonnen – Starke Frauen im Mittelalter“, die im Schweizer Nationalmuseum zu sehen wäre. Wir haben uns den Katalog angesehen.

Nonnen haben im Mittelalter eine weitaus grössere Rolle gespielt, als man heute meinen würde. Mit besonderem Vergnügen hat der Schreibende die Feststellung zur Kenntnis genommen, dass sein Namenspatron, nämlich der Heilige Dominikus für seinen Frauenorden ein damals neues Konzept entwarf und allen Frauen, unabhängig von Stand, Alter oder Ausbildung, den Klostereintritt ermöglichte.

Nonnen im Chorgestühl aus einem Psalter des 15.Jahrhunderts. Foto: British Library London.

Die Soziologie der Frauenklöster im Mittelalter war komplex. Frauen aus wohlhabenden Kreisen bevorzugten den Benediktiner- oder Zisterzienserorden. Frauen aus weniger wohlhabenden Kreisen schlossen sich einem Bettelorden an und dazu zählte neben dem Dominikaner auch der Franziskanerorden. Wer nur eine begrenzte Zeit ins Kloster wollte konnte dies als Stiftsdame oder Begine machen.

Köln, Andachtsbild, Tafelmalerei, nach 1465, Eichenholz, 73,5 cm x 59 cm. Wallraff-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln. WMR 340-342.


Ein Teil der Nonnen schloss sich freiwillig einem Orden an, andere wurden von ihren Familien einem Orden übergeben. Das Leben im Nonnenkloster war für Frauen im Mittelalter eine der wenigen, wenn nicht die einzige Alternative zu einem vorausbestimmten Leben als Ehefrau und Mutter mit wenig Rechten. Frauen war im Mittelalter der Zugang zu höherer Bildung verwehrt. Anders im Frauenkloster: Hier konnten sie eine mehrjährige Ausbildung durchlaufen. Dass gerade die mystische Literatur des Mittelalters stark von Frauen geprägt war, erstaunt nicht. In der Mystik geht es nicht um gelehrte Theologie, sondern um persönlich erlebte Gotteserfahrung und von hier stammt auch der Begriff der Unio Mystica, der mystischen Vereinigung. Dass diese Unio Mystica auch erotische Züge tragen kann, darf dabei nicht erstaunen.

Hildegard von Bingen als Seherin – sie wird vom Feuer des Heiligen Geistes überzogen und gibt ihre Visionen an einen Schreiber weiter, hält aber selber Stichworte auf einer Wachstafel fest. Bild: Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain Wiesbaden.

Erstaunlicherweise haben einige der Mystikerinnen ihre Visionen nicht selber aufgeschrieben sondern einem Schreiber erzählt, der sie dann zu Papier gebracht hat. Eine Miniatur im Katalog zeigt genau diesen Prozess: Hildegard von Bingen wird vom Feuer des Heiligen Geistes übergossen, hält ihre Visionen auf einer Wachstafel fest und diktiert sie anschliessend einem gelehrten Schreiber. Das erinnert an den berühmten Schweizer Priester und Theologen Hans Urs von Balthasar (1905 – 1988), der während Jahren die mystischen Visionen von Adrienne von Speyr (1902 – 1967)  festhielt und damit sage und schreibe 62 Bücher füllte, die alle im Johannesverlag in Einsiedeln erschienen sind.

Die Tugendleiter aus dem „Hortus Deliciarum – dem Garten der Köstlichkeiten“ von Herrad von Landsberg. Das Buch diente der Unterweisung der Nonnen und zeigt exemplarische Bestrafungen durch das Herunterfallen von der Tugendleiter. Bild Wikimedia Commons

Das alles erfährt man im sorgfältig gestalteten Katalog, der mit kurzen Texten einen einfachen Einstieg in diese fremde Welt ermöglicht. Er wurde übrigens ausschliesslich von Frauen verfasst, die Leitung besorgte die Kuratorin der Ausstellung, Christine Keller.

Ein guter Teil des Katalogs dient der Beschreibung der Objekte, die in der Ausstellung zu sehen wären. Hier fällt die illustre Liste der Leihgeber auf: Dazu gehört etwa die Bibliothek des Vatikans in Rom, das Wallfraff-Richartz Museum in Köln oder die Stiftsbibliothek St.Gallen.

Einzelseite aus dem Graduale von St. Katharinental von 1312. Foto Schweizerisches Nationalmuseum

Die Objektbeschreibungen sind kurz gehalten und wecken die Neugier. Das gilt etwa für das berühmte Graduale von St. Katharinental. Die Handschrift von 1312 gehört zu den wichtigsten Schweizer Handschriften des Mittelalters. Von grosser Bedeutung dürfte auch der Teppich „Hortus Conclusus“ aus Basel von 1480 sein. Es zeigt Maria in einem Garten mit einem Einhorn – dem Symbol ihrer Keuschheit. Deutlich auch eine Votivtafel aus dem Jahr 1465 aus Köln mit fünf Szenen – Mittelpunkt der Eintritt von zwei Nonnen ins Kloster.

Hortus Conclusus. Wandbehang Basel 1480. Das Bild lässt sich durch Klicken vergrössern. SNM LM 1959.
Detail aus dem Wandbehang „Hortus Conclusus“ Das Einhorn neben Maria ist Symbol für die Keuschheit. Das Bild wurde etwas nachbearbeitet.

Besonders gespannt bin ich auf ein Exponat, das eigentlich einer Puppenstube ist: Es ist das Modell von zwei Klosterzellen mit Nonnen. Das Exponat stammt aus dem Ursulinenkonvent Porrentruy aus dem 18.Jahrhundert.

Klosterkästchen. Modell mit zwei Nonnenzellen. 1800 – 1810. Herkunft: Pruntrut (JU), Ursulinenkonvent. SNM, LM 51851.

Im ganzen Katalog und in der Ausstellung finden sich zudem 15 kurze Biografien – sie zeigen wie unterschiedlich die Welt der Nonnen im Mittelalter war. Hier finden sich bekannte Namen wie jenen der Mystikerinnen Hildegard von Bingen (1098 – 1179), der Ordensgründerin Klara von Assisi (1193 – 1253). Zu den weniger bekannten Namen gehört etwa jener der letzten Äbtissin der Zürcher Fraumünster-Klosters Katharina von Zimmern (1478 – 1547), der Reformator Zwingli zwang sie 1524 das Kloster der Stadt zu übergeben. Vor der Reformation verfügte die Äbtissin des Fraumünsterklosters über eine erhebliche Macht und konnte sogar Priester in verschiedenen Amtsbezirken einsetzen.

Gänzlich unbekannt war mir Elsbeth von Oye (1280 – 1350). Sie näherte sich dem Ideal des leidenden Christus durch Askese und Selbstkasteiung. Ihre Texte waren in Frauenklöstern sehr verbreitet, wurden aber mitunter wegen ihrer drastischen Schilderungen zensiert. Auf Wikipedia bin ich auf folgendes Zitat von ihr gestossen.“ich was gar jung, do ich mir selber machet ein geisel mit nadlen und vilt mich domit, also das sie mir gar dick in dem fleische tieff stecketen, das ich sie gar kaum herwider außzoch.“

Geisseln aus dem Dominikanerkloster Unterlinden aus dem 18.Jahrhundert. Die Instrumente zur Kasteiung im Mittelalter dürften sich nicht davon unterschieden haben. Foto: Christian Kempf (c) Musée Unterlinden – Colmar

Kasteiungen zu denen auch Geisselungen gehörten waren in mittelalterlichen Frauenklöstern nichts Aussergewöhnliches. Teilweise geisselten sich die Nonnen selber, teilweise liessen sie sich von anderen Nonnen geisseln.

Ausstellung sind solche Darstellungen, aber auch die Werkzeuge dafür, also die Geisseln zu sehen. Das Christentum steht übrigens hier nicht allein: Man kennt solche Praktiken auch im Islam, namentlich bei den Schiiten, oder im Zen-Buddhismus.

Katalog
Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter. Herausgegeben vom Schweizerischen Nationalmuseum. Berlin. Hatje Cantz 2020.

Virtueller Rundgang durch die Ausstellung
Website der aktuellen Ausstellung. Bis 8.August geöffnet.

Blick in die Ausstellung mit einem Klostermodell Foto Schweizerisches Nationalmuseum.