Nachrichten von den Löwen des Klosters Einsiedeln

Im Naturalienkabinett von Kloster und Stiftsschule Einsiedeln befindet sich ein ausgestopftes Löwenpaar. Die Geschichte dahinter ist etwas rätselhaft

Fast jeder kennt die Barockbibliothek des Klosters Einsiedeln. Sie ist zwar im Vergleich zur Unesco-geschützten St.Galler Stiftsbibliothek schlicht, trotzdem ein Kleinod und ein wichtiger Zeuge der Barockzeit.

Nur wenige Schritte weiter befindet sich eine andere Kostbarkeit, die kaum bekannt ist: Das Naturalienkabinett des Klosters. Es dürfte in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts eingerichtet worden sein und umfasst einige Hundert Präparate, dazu zahlreiche Mineralien und Muscheln.

Uns interessieren zunächst die Löwen: 2013 haben wir die Geschichte mit den Löwen im Kloster recherchiert. Auslöser war ein Foto, das den damaligen Naturwissenschaftler P.Damian Buck OSB (1871 – 1940) im Jahr 1930 mit einem jungen Löwen im Fotostudio zeigt. Das Tier soll mit dem Zirkus Sarrasani gereist sein und wurde nach einem denkwürdigen Besuch mit einer Gruppe von Sioux-Indianern dem Kloster geschenkt.

 

Was wir damals nicht wussten: Im Naturalienkabinett des Klosters ist ein Löwenpaar zu sehen. Hier ist allerdings nicht vom Zirkus Sarrasani die Rede. Stattdessen wird ein Mönch namamens R.P.Fintan Schneider OSB erwähnt, der den oder die Löwen 1926 aus Tanganika mitbrachte. R.P, steht übrigens für Reverendus Pater – hochwürdiger und ist ein kirchlicher Ehrentitel für einen Priester.

Wie muss man sich das nun vorstellen? Dass ein Löwe mit einem Zirkus reist, erscheint plausibel. Aber wie bitte bringt ein Benediktinermissionar einen Löwen aus Afrika ins Kloster und was überlegt man sich dort, was hier für ein neuer Hausbewohner einzieht?

Kurz, wir wissen es nicht. Eine Möglichkeit wäre, dass das Löwenpaar zusammengesetzt wurde: Ein Löwe aus Afrika, ein anderer Löwe vom Zirkus.

Das dürfte die Lösung sein: Pater Damian Buck schien eine richtige Affinität zu diesen Tieren gehabt zu haben. In einer zeitgenössischen Publikation lesen wir – zitiert aus meinem Eintrag von 2013

Pater Raphael Häne alias Silvanus Silvanusbrief berichtet in der in seiner Klosterzeitung Rubrik St. Meinradsraben 1930 vom Besuch des Zirkus Sarrasani, der in diesem Jahr in der Schweiz gastierte. Der Zirkus besuchte das Kloster mit einem Stamm Sioux-Indianern. «Bekanntlich sind während der Ferien die Sarrasaniindianer einmal gekommen. Pater Friedrich hat ihnen eine salbungsvolle englische Predigt deklamiert und sich nachher mit ihnen auf der Klostertreppe photographieren lassen. Herr Sarrasani schickte zum Dank zwei Leuinnen, die natürlich der väterlichen Obhut von Pater Damian anheimfielen! Das schmähliche Leuentier aus dem Zirkus Knie hat er wieder heimgeschickt, damit die beiden wohlerzogenen Urwalddamen einziehen konnten. Jetzt wird’s besser! Vorher haben zwei Viecher einander angesungen, jetzt hören wir ein Trio! Vielleicht will das Kloster eine Leuenzucht betreiben, um mit der Zeit dann Leuen nach Afrika zu liefern, wo sie eben leider am Aussterben seien.»

Mittlerweile sind auch andere Publikationen auf die Löwengeschichte, die wir 2013 als erste in der NZZ publizierten, aufmerksam geworden, so die katholische Plattform Swiss.cath vom 10.Mai 2023 im Artikel „Pater Damian und die Löwen“ von Silvan Beer. Dieser Autor hat das Geheimnis der Löwen gelüftet und die Geschichte wird nun vollends skurill.

Der eigentliche Gründer des Naturalienkabinetts ist der oben erwähnte Pater Damian Buck. Er hat die Exponate und Präparate im Lauf seines Lebens zusammengetragen. Noch mehr als die toten Tiere, liebte er aber die lebenden und so begann er zu Beginn des 20.Jahrhunderts einen regelrechten Tierpark im Kloster anzulegen und soll Wölfe, Greifvögel, Adler und Affen gehalten haben. Im Klosterarchiv sind eindrückliche Bilder, die ihn eimal mit einem Greifvogel, ein ander Mal mit einigen jungen Füchsen zeigt. Alle quicklebendig und keinesfalls präpariert. Ein ehemaliger Schüler, so berichtet der Autor Silvan Beer, soll ihm den ersten Löwen geschenkt haben: Simba Es dürfte sich dabei um den Benediktinermissionar Fintan Schneider gehandelt haben, der in der Legende erwähnt wird. Pater Damian soll ihn wie einen Hund an der Leine durchs Dorf geführt haben. Die zweite Löwin, sie hiess Bassa und stammte vom Zirkus Sarrasani. Ob der Zirkus den Löwen geschenkt oder ob in Pater Damian Buck dem Zirkus „abgeluchst“ hat, wie der Autor schreibt, bleibe dahingestellt. Offenbar haben die Löwen später einen Benediktinerbruder angefallen was dann deren Ende in der irdischen Welt einläutete, seitdem dürfen sie im Naturalienkabinett stehen. Nur einen Haken hat die Geschichte noch, die Zahlen gehen nicht auf. Da ist die Rede von einem Löwenpaar, das dem Kloster geschenkt wurde…. wir bleiben dran!

Auf Wikimedia Commons finden sich einige Fotos von P.Damian Buck aus dem Klosterarchiv.