Die Zukunft des Buches ist digital. Eine Polemik

In der Schweiz wird über die Wieder-Einführung der Buchpreisbindung diskutiert. Es tönt ein bisschen nach Heimatschutz und heiler Welt. Die wichtigere Frage aber bleibt aussen vor: Welche Auswirkungen haben Digitalisierung und e-Books? Gut möglich, dass Buchhändler bald nur noch Altpapierhändler sind.
Eine Polemik – von Dominik Landwehr


Was da gerade passiert ist brutal und so richtig will das keiner sehen: Es ist als würden Buchstaben, Wörter, Sätze aus den Seiten herausgerissen. Was übrig bleibt ist (Alt) Papier und körperlose Daten. Und damit wird gehandelt. Nur funktioniert dieser neue Handel ganz anders als der alte Handel mit Papier.
Nationen, Staaten, Grenzen – das war gestern. Der neue Bücherhandel funktioniert global. Wer weiss wie dieser globale Markt funktioniert, hat das sagen. Und da gibt es einige. Sie tragen keine Schweizer Namen mehr, nicht mal Deutsche. Riesen wie Orell Füssli, Hugendubel, Bertelsmann haben abgedankt. Das Geschäft macht Amazon, Apple und wohl bald auch Google. Und die Märkte finden sie bei den Profilen auf Facebook.
Allerdings: So neu ist das alles nicht. Der Handel mit Platten und CD ist innert zehn Jahren fast ganz vom Erdboden verschwunden. Der Konkurs von Kodak markiert einen symbolischen Schlusspunkt in der Geschichte der Digitalisierung der Fotografie.. Und digitales Fernsehen ist ohne komplette Digitalisierung der Inhalte undenkbar. Die Entwicklung ist irreversibel.
Das alles ist also nicht so überraschend. Überraschend ist aber die Reaktion auf diese Entwicklungen. Nur beim Buch ist trotziges Aufbegehren zu hören. Der Feuilleton-Chef der Neuen Zürcher Zeitung etwa titelte letztes Jahr trotzig: „Das Buch bleibt“. Ob das nützt, bleibe dahin gestellt. Die Tatsachen sprechen dagegen. Die Geschicke des Buchen werden nicht mehr vom Feuilleton entschieden. Mehr zu sagen haben da wohl ein paar Millionen Schulkinder in Asien. Und man muss gar nicht so weit gehen. Ein Blick an eine Uni genügt und um die Stimmung zu fühlen braucht man kein soziologische Studie zu machen: Studierende hätten ihre Studienunterlagen gerne digital.
Musik, Bild, Text. Das Dreigestirn ist wohl doch nicht so gleich wie es die Aufzählung glauben macht. Wenn aus dem Feuilleton das überrumpelte Bildungsbürgertum spricht dann müsste man das selektive Aufbegehren so verstehen: Musik und Bild sind ephemere Dinge. Was zählt ist der Text. Sola Scriptura wie Luther meinte und damit wären wir dann auch beim protestantischen Arbeitsethos von Max Weber.
Fotografie und Musikspeicher. Das sind kulturgeschichtlich neue Medien. Die Fotografie gibts seit Ende des 19.Jahrhunderts. Und sie brauchte lange, bis ihr der Kunst-Status anerkannt wird. Die Schallplatte wurde auch im 19.Jahrhundert erfunden. Caruso verkauft schon in den 20er Jahren mehr als eine Million Platten. So richtig abgehoben hat die Schallplatte aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Jazz, Rock’n Roll und Pop haben sie dann endgültig zum Massen-Medium gemacht. So gesehen, war die CD nur ein Intermezzo zwischen LP und MP3. In dieser Zeit hat sich das Buch kaum verändert.
Die Haptik des Buches sei unverwechselbar. Wird immer wieder gesagt – mit einem verächtlichen Seitenblick auf die Lesegeräte aus Plastik. Nun haben aber gerade diese Lesegeräte auch ihre Haptik. Jene von Apples iPad gilt geradezu als revolutionär. Gerade weil die Firma der Haptik so viel Beachtung schenkt, haben diese Geräte einen derart durchschlagenden Erfolg.
Apropos Haptik: Meine Spiegelreflex-Kamera ist digital. Schon lange. Und sie sieht genau gleich aus wie meine alte analoge Kamera. Sie hat Knöpfe. Ganz viele. Und sie ist schwer und hat viele tolle Objektive… Nur die Bilder, die sind digital. Zum Glück!
Und wer sagt dann, dass es so bleibt wie heute? – Wer sagt denn, dass wir nicht in zehn oder zwanzig Jahren wieder in Texten blättern und uns die Finger feucht machen, bevor wir die Seiten umlegen? – Wenn mich nicht alles täuscht, wird seit über zehn Jahren am elektronischen Papier geforscht. Im Wohnzimmer der Zukunft stehen vielleicht tausend elektronische Bücher, die sich alle aus dem Gestell ziehen und bewundern lassen. Und sind es heute Tausend Bände Literatur, so stehen am gleichen Ort anderntags Tausend Bände Kunst und Architektur und wiederum anderntags tausend Bände Physik und Chemie…
Dominik Landwehr am 26.Februar 2012
PS. Damit das klar ist: Ich mag Bücher, besitze Bücher und kaufe sogar Bücher. Ich bin auch kein Trendapostel oder Evangelist des eBooks, auch wenn ich einen Kindle und ein iPad besitze und beide nutze. Was mich stört ist lediglich die Ignoranz gewisser Kreise…

Ein Kommentar

  1. naja. steht das wort „digital“ nicht eh auf der liste der gelöschten unterscheidungen? dann wäre auch gleich klar, dass schon der titel so nicht funktioniert. weil dann klar wäre, dass auch schon die gegenwart des buches ist, wie sie ist: ohne mitarbeitende bits, welches sich eingelogged haben (= b_loggen) schlicht und einfach nicht.
    bücher sind schon lange keine bücher mehr, in dem sinne, wie wir vielOh!sofWie?sch-schwelgerisch-hochachtungs-&liebevoll vom buch reden, im sinne deines PS. #wenntwaischwanimain
    das was heute auf den markt geschmissen wird – http://de.wikipedia.org/wiki/Literat kommt von littering! – sind in äusserlicher anlehnung an tradierte techniken zusammengeklebte auswürfe ab irgendwelchen screens.
    dass uns scheinheiliges getue nervt, ist mE auch eine schützenswerte tradition. was uns die moderne aufgeklärt hat und wir an den kirchen geübt haben: jetzt können wir es an der praxis der wissenschaft (die art bücher zu schreiben!) und am gedüdel rund um den heiligen markt (die art bücher zu verkaufen!) auffrischen. es nervt. es ist genug. wir wollen bloss in ruhe leben, denken, lieben. und wenn das mit dem verkauf von zusammengeklebten ausdrucken nicht mehr geht: so what? dann machen wir halt was anderes. (nichts besseres. nichts schlechteres. aber einfach etwas anderes.)
    überredet?

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