Der Untergang des Dampfschiffs ‚Delphin‘ – eine Tragödie am Walensee im Jahr 1850

Im Jahr 1850 sank auf dem Walensee das Dampfschiff «Delphin». Besatzung und Passagiere fanden dabei den Tod. Das Unglück erschütterte weit über die engere Region hinaus.

Wer von Weesen am Nordufer des Walensee zum Weiler Betlis spaziert, sieht unterwegs an einem Felsen eine Gedenktafel mit folgender Inschrift:

«In der Nacht vom 16./17. Dezember 1850 sank der Dampfer ‘Delpin’ auf der Fahrt von Walenstadt nach Weesen in einem Sturm. Von den dreizehn Menschen an Bord überlebte keiner.»

Die Tafel wurde erst im Jahr 2023 angebracht. Verantwortlich dafür war der Schweizer Schriftsteller Emil Zopfi, der sich lange mit dem Untergang des Schiffes befasst und 2021 unter dem Titel «Der Untergang des Delphin. Die Titanic vom Walensee» einen dokumentarischen Roman dazu veröffentlicht hat.

Modell der Delfin im Ortsmuseum Walenstadt. Foto: Wikimedia Commons.

Das Schiff, von dem hier die Rede ist, war ein kleinerer Schaufelraddampfer, der Platz für 80 Personen bot. Es wurde 1843 gebaut und verkehrte zunächst auf dem Zürichsee, wurde dann umgebaut und war ab Sommer 1850 auf dem Walensee im Einsatz. Der ‚Delphin‘ bediente den regulären Postkurs in der Nacht. Sie erreichte bescheidene 16 Stundenkilometer und musste bei hohem Wellengang mit zwei Balancierstangen stabilisiert werden. Andere Schiffe wie etwa die ‚Splügen‘ galten als stabiler und waren den unberechenbaren Winden des Walensee eher gewachsen.

Die Minerva – ein ähnliches Schiff, das aber wesentlich solider gebaut war. Rudolf Dikenmann aus der Mitte des 19.Jahrhunderts. Bild: Grafische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich.

Das Wetter war in diesen Tagen unbeständig, immer wieder gab es Föhnstürme. Kurz vor Weesen kam es dann zur Katastrophe: Emil Zopfi vermutet, dass der «Delphin» einem berüchtigten Fallwind zum Opfer fiel, der hier «Plättlisser» hieß – ein typischer Fallwind, der mit großer Heftigkeit von den steilen Felswänden der Churfirsten auf den See hinunterstürzt. Schon am Tag darauf meldete die Neue Zürcher Zeitung die Tragödie:

«Das Dampfboot Delphin, welches den Nachtpostdienst versah, fuhr um 12 Uhr 15 Minuten bei ruhiger Witterung von Walenstadt ab, wurde aber unterwegs vom Sturm ergriffen. Trotz diesem gelangte das Schiff in gerader Richtung ganz in die Nähe, bis auf 8 oder 10 Minuten von Weesen, wo dasselbe vom Postkontrolleur und den Angestellten der Dampfschifffahrt gesehen wurde, dann aber bei einem der heftigsten Windstöße, die je erlebt wurden, plötzlich und spurlos verschwand.»

William Callow aus dem Jahr 1842: Walenstadt, von Weesen, Schweiz. Bild Grafische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich.

Warum fuhr das Schiff mitten in der Nacht? Die Nachtfahrt war damals eine normale Fahrt, um Post und Passagiere optimal an die Anschlussverbindungen weiterzugeben. Ein regelmäßiger Postservice war für den 1848, gegründeten Bundesstaat von zentraler Bedeutung, und der Walensee war ein wichtiger Punkt in der Strecke von Como via Splügen und Chur nach Zürichm damals die direkteste Nord-Süd-Verbindung der Schweiz. Das Schiff war das schnellste Verkehrsmittel; ab 1851 gab es eine Strasse, die allerdings über das 743 m hohe Plateau des Kerenzerberges führte. Eine schnelle Bahnverbindung gab es erst ab 1860. Die durchgehende Strasse am Seeufer kam erst 1964 und führte durch verschiedene Tunnels.

Wie zentral der Postverkehr für die Schweiz war, zeigt eine Mitteilung im Bundesblatt vom 31. Dezember 1850, in dem rund 30 Briefpakete einzeln aufgelistet wurden – mit genauen Angaben von Herkunft und Ziel. Im Bundesblatt findet sich auch eine Liste der verunglückten Personen, allerdings werden nur vier Namen genannt. Von den übrigen neun Personen fehlte jede Spur.Der See hat sie verschlungen und ihre Leichen wurden auch später nie gefunden. Der Kanton St. Gallen ordnete eine Untersuchung der Unglücksursache an. Sie ergab keine vollständige Klärung: Man fand ein grosses Loch im Dampfkessel und ging davon aus, dass der Kessel durch Überhitzung geborsten war und das Schiff danach führerlos auf dem See trieb, bis es vom Fallwind erfasst und zum Kentern gebracht wurde.

Nur wenige Monate später wurde das Schiff in einer aufwendigen Bergungsaktion gehoben. Schon im Januar wurde die Lage bestimmt: Es lag in einer Tiefe von 115 Metern und musste mit Haken aufgespürt werden. Schon im Januar fand man die erste Leiche: Den Matrosen Franz Kid Das Wrack wurde am 5.April 1851 gehoben und an Land geschleppt. Drei weitere Leichen konnten geboren werden:  Ein Viehhändler namens Balthasar Kundert, Frau Veraguth deren Vorname unbekannt bleibt, ein Schirmmacher namens Josef Eichholzer aus Kirchberg.

Der sechsjährige Sohn von Eichholzer blieb verschollen, die beiden italienischen Kaufleute Ludwig Morandi und Heinrich Mondelli, sowie die übrigen Besatzungsmitglieder: der Heizer Ulrich Wolfensberger, der Postkondukteur Kaspar Rosenstock, der Kapitän Staub, der Kassier Franz Schlegel, der Maschinenarbeiter Baumann und die beiden Matrosen aus Weesen, Johann Joseph Beeler und Franz Kid. Letzterer hatte nur wenige Jahre zuvor einen Bruder im See verloren.

Das Publikum und vor allem die Anwohner der Region nahmen Anteil am Drama vom Dezember 1850 – die meisten der verunglückten Opfer der Delphin hinterließen eine Familie mit zahlreichen Kindern. Ein Aufruf der Glarner Nachrichten, unterstützt vom Landammann und späteren Bundespräsidenten Joachim Heer (1825-1879), stieß auf ein breites Echo. Es war die erste Hilfsaktion im neu gegründeten Schweizer Bundesstaat. Liebesgaben aus der ganzen Schweiz trafen ein, schreibt der Historiker und Schriftsteller Emil Zopfi.

Er hat aus der Tragödie einen historischen Roman gemacht, hat Protokolle und Berichte durchforstet und die Leerstellen rekonstruiert. «Für mich ist es auch eine Hommage an den jungen Bundesstaat mit vielen wichtigen Themen jener Zeit: der Vereinheitlichung von Post, dem Geld, der Armee, oder der Einbürgerungen der Heimatlosen».

Zopfi ist nicht der einzige Schriftsteller, der sich mit dem Unglück befasst hat. Der Dichter Johann Jakob Reithard (1805–1857) aus Küsnacht im Kanton Zürich hat nach dem Unglück schon im März1851 eine 142 Strophen lange Ballade publiziert: „Die Todesnacht auf dem Wallensee“. Im Anhang sind die Opfer mit einer Ausnahme ausführlich beschrieben. Hier erfahren wir, dass der Kassier Franz Schlegel acht Kinder hatte, davon war eines taubstumm. Der Passagier Joseph Eichholzer war mausarm, er verdiente seinen Lebensunterhalt als fahrender Schirmflicker und war mit seinem sechsjährigen Sohn unterwegs. Frau Veragut – ihr Vorname ist nicht überliefert – war die einzige Frau auf dem Schiff. Ihre Ehe mit einem Wittwer aus Thusis war unglücklich und so lebte getrennt von ihrem Mann bei ihrer Schwester in Stäfa. Ihr Mann wollte nach Amerika auswandern und die Frau musste zuvor an seinem Wohnort in Thusis noch einige finanzielle Angelegenheiten mit ihm regeln, das war der Grund ihrer Reise.

Den Ertrag der Publikation schenkt  Reithard den Hinterbliebenen der Opfer.

Und überm Schiffe brüllen mehr und mehr,
Grau’volle Stimmen nächtlicher Gewalten,
Und unterm Schiffe schäumt ein tosend Meer,
Und weiß- und weißer schäumt’s von Westen her,
Ein riesig Segeltuch mit bewegten Falten;
Von allen Wänden troff es – Rums um Rums –
Ave Maria, bitt, o bitt für uns!

Dieser Artikel erschien am 27.Juli 2026 in der NZZ in leicht gekürzter Fassung unter dem Titel Die «Titanic» vom Walensee: als ein Dampfer alle an Bord in den Abgrund riss

Literatur:
Emil Zopfi: Die Titanic vom Walensee. Historischer Bericht. Ziegelbrücke 2021. AS Verlag.

Johann Jakob Reithard:  Die Todesnacht auf dem Wallensee : Dichtung eines Ungenannten : sammt sichern Angaben über den „Delphin“ und die zwölf mit demselben verunglückten Personen. Zürich 1851

Jeremias Wolf. Walensee. Kupferstich ca 1710. Bild Grafische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich.

Der Walensee war tückisch und gefährlich. Hier ein Bild eines Unglücks aus der Wickiana ca 1510. Bild Grafische Sammlung der Zentralbibliothek Zürich.

Interview mit dem Autor Emil Zopfi vom August 2025. Online

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