Chiavenna ist die erste italienische Stadt im Bergell nach der Schweizer Grenze. Und sie hat einige Geschichten zu erzählen.
In der Reformationszeit haben sich die konfessionellen Gegner nichts geschenkt und sich nicht selten mit Spott und Häme überzogen. Ein Zeugnis davon ist die Geschichte von der Lichterkrebsen auf dem Friedhof von Kläven oder eben Chiavenna. Wir finden sie beim Zürcher Pfarrer Ludwig Lavater (1527-1587), der Nachfolger des Zürcher Reformators und Zwingl-Zeitgenossen Heinrich Bullinger (1504-1575) war. Lavater pflegte ein eigentümliches Hobby: Er sammelte Gespenstergeschichten und hat damit Literaturgeschichte geschrieben. Natürlich diente das einem höheren Zweck, so wollte er damit den falschen Glauben der Katholiken beweisen. Ein besonders schönes Muster entdeckte der belesene Zürcher Pfarrer beim Humanist Erasmus von Rotterdam (1466-1535).
Es schrybt auch Erasmus, es sey eben der Pfarrer [der in der vorherigen Geschichte als Gespenst verkleidet zu einer Frau ins Bett steigen wollte] gsyn, der uff den heiligen Pfinsgsttag läbendige Kräbs uf den Kilchhoff habe kriechen lassen mit angefteteten brünnenden Wachskerzlinen. Da die selben by den Gräberen umhin krochend, war es nachts erschrockenlich, und dorfft niemand nach zuhin gehen. Darvon ward gross Geschrey. Wie yedermann übel 4 5 erschocken war, stund der Pfarrter an die Canzel und sagt, es wärend Seelen der Absgestorbnen, die begehrend, dass man sy us der grossen Not durch Messen und Almosen wöllt erlösen. Dieser Betrug ist hernach also offenbar worden. Man hatt ein Krebs oder zween in den Steinen und Scherben gefunden, die der Pfarrer nit wieder hat uffgeläsen, an denen die Wachskerzlin noch gsyn sind.»
Gekürzte Übersetzung
Erasmus berichtet, dass derselbe Pfarrer am Pfingsttag lebende Krebse mit angezündeten Wachskerzen auf den Friedhof setzte. Als diese nachts zwischen den Gräbern umherkrochen, wirkte das sehr unheimlich, sodass niemand sich dorthin wagte. Es entstand großes Aufsehen. Der Pfarrer erklärte daraufhin von der Kanzel, es handle sich um die Seelen der Verstorbenen, die durch Messen und Almosen aus ihrer Not erlöst werden wollten. Später wurde der Betrug aufgedeckt: Man fand ein oder zwei Krebse, an denen noch die Kerzen befestigt waren, die der Pfarrer nicht entfernt hatte.
(Gespenster, Berggeister und Betrügereien. in: Dominik Landwehr: 27 merkwürdige Geschichten aus der Schweiz. Winterthur 2023. S.3-12 online)
Wir besuchen deshalb natürlich den Friedhof von Chiavenna, der sich am nördlichen Ende der Kleinstadt befindet und staunen: Der Friedhof ist eine äusserst kunstvolle Ansammlung von teilweise monumentalen Grabmälern. Nun wissen wir natürlich nicht, ob das immer so war, aber wir gehen nun mal davon aus, dass sich solche Traditionen lange halten. Und in unserer Phantasie sehen wir die Krebse mit den Kerzen in den Gängen zwischen den Gräbern herumkriechen. Ein schauerliches Spektakel!

Auf dem Friedhof von Chiavenna. Foto Dominik Landwehr
Ganz ohne historischen Hintergrund wollen wir die Sache aber nicht abschliessen. Italien als Staat existiert erst seit dem 19.Jahrhundert und die Kleinstadt im Veltlin stand unter der Herrschaft des Freistaates der Drei Bünde, dem nachmaligen Kanton Graubünden. Man war hier nicht einfach katholisch, sondern pflegte eine konfessionelle Toleranz und hat verfolgten Protestanten aus dem Norden immer wieder Zuflucht geboten.

Der kostbare Buchumschlag aus dem 11.Jahrhundert aus dem Museo del Tesoro von Chiavenna. Foto
https://www.valchiavenna.com/de/kultur/Schatzmuseum.html
Um eine Zuflucht ganz aderer Art geht es bei der Geschichte um den nahen Wallfahrtsort Madonna di Gallivaggio, etwa sieben Kilometer nördlich von Chiavenna am Splügenpass. Am 29. Mai 2018 löste sich ein Erdrutsch, der das Heiligtum bereits seit Tagen bedroht hatte, vom Berg. Die Kirche mit der berühmten Madonna blieb verschont, aber Teil des Dorfes wurden verschüttet. Seither ist der Pilgerort geschlossen. Die Marienstatue verblieb zwar im Ort, aber der Kirchenschatz wurde nach Chiavenna in die Kirche von San Lorenzo transportiert. Sie leister dort dem berühmten Kirchenschatz Gesellschaft, der im kleinen Museum des Konvents zu sehen ist. Prunkstück des Museums ist der «Pace di Chiavenna» Evangelienbuchumschlag aus dem XI Jahrhundert aus dem XI Jahrhundert aus aus aufgesetztem Gold, Edelsteinen und kostbaren Miniaturen, ein Meisterwerk der mittelalterlichen Goldschmiedekunst.


Die Kollegiumskirche San Lorenzo von Chiavenna. Foto Dominik Landwehr
Vor der Kirche stossen wir auf eine Inschrift, die an Maria Laura Mainetti erinnert. Die 1939 geborene Ordensschwester wurde am 6.Juni 2000 in Chiavenna von einer Gruppe von drei weiblichen Teenagern ermordet. In der italienischen Ausgabe von Wikipedia wird der Hergang so geschildert.

Erinnerungstafel für Sr Maria Laura Mainetti. Foto Dominik Landwehr
Am 6. Juni 2000 lockten die minderjährigen Schülerinnen Milena De Giambattista, Ambra Gianasso und Veronica Petrobelli die 60-jährige Ordensschwester unter einem fingierten Vorwand in einen Park, indem sie behaupteten, eine von ihnen sei nach einer Vergewaltigung schwanger geworden und erwäge nun eine Abtreibung. Mainetti, welche die drei Schülerinnen aus dem Katechismusunterricht kannte, wurde von ihnen in die Knie gezwungen, beschimpft und mit einem Ziegelstein auf den Kopf geschlagen. Daraufhin stachen sie abwechselnd insgesamt 19 Mal auf Mainetti ein, die während des Angriffs ihren Mörderinnen Vergebung zusprach. Schliesslich schnitten die jungen Mädchen ihr die Kehle durch und mischten ihr eigenes Blut mit dem der toten Ordensschwester. Bei der Festnahme drei Wochen nach der Tat gestanden die Schülerinnen, schon lange die Ermordung eines römisch-katholischen Christen geplant zu haben und ursprünglich dafür einen Priester erkoren zu haben, der ihnen jedoch zu kräftig erschien. Im Zuge der Ermittlungen wurden mit satanischen Schriften gefüllte Notizbücher der Schülerinnen ausgewertet. Das Vernehmungsprotokoll bezeugt zudem einen Blutschwur. Ein Mädchen gestand, dass Mainetti ein „menschliches Opfer für den Teufel“ war
Die Täterinnen waren zum Zeitpunkt des Mordes minderjährig. Sie sind heute wieder auf freiem Fuss und leben unter anderen Namen.

Hier fand der Akt der Seligsprechug 2021 statt. Foto Dominik Landwehr
Die Seligsprechung fand am 6. Juni 2021 in Chiavenna auf dem Platz vor der Kirche San Lorenzo statt während des Pontifikats von Papst Franziskus (1936-2025) statt. Ihr liturgischer Gedenktag ist der 6. Juni. Eintrag im ökumenischen Heiligenlexikon