Corona beflügelt Digitalisierung der Kultur

Das Kulturleben im Corona-Modus: Der Begriff des Totalausfalls macht die Runde. Doch er stimmt nicht ganz und Corona führt auch zu überraschenden Entwicklungen. Zum gleichen Schluss kommt auch eine aktuelle Studie der ZHdK, die im Mai 2020 veröffentlicht wird.

Ende letzten Jahres erreichte mich eine interessante Anfrage: Ich wurde eingeladen, im Frühjahr 2020 vor einem internationalen Publikum eine Keynote zum Thema Digitalisierung und Kulturmanagement und Kulturförderung vorzutragen. Natürlich kam es, wie es kommen musste, und die Tagung wurde abgesagt. Meine Thesen waren zu diesem Zeitpunkt bereits formuliert. Ich finde es reizvoll, darüber heute unter dem Eindruck des Corona-Schocks nachzudenken.

Youtube Kanal des Victoria and Albert Museum. Der Screenshot entstand am 10.Mai 2020.

In meinen Vorträgen gehe ich jeweils auf YouTube und suche dort einige grössere Schweizer Kultureinrichtungen. Das Resultat ist in fast allen Fällen ernüchternd: Nur ganz wenige Kultureinrichtungen produzieren regelmässig Videos und die Publikumszahlen sind oft sehr tief. Ausserdem nutzen nur wenige die Möglichkeit, einen YouTube-Kanal zu abonnieren. Anders im Ausland, etwa beim Victoria and Albert Museum in London. Der YouTube Kanal des Museums hat 130’000 Abonnenten. Einzelne Videos wurden mehrere Millionen Mal angeklickt.

In der Schweiz geht alles ein bisschen langsamer. Und dann kam Corona und die Institutionen waren gezwungen, über Nacht neue Angebote zu entwickeln. Das eine oder andere habe ich mir selber angeschaut – dann habe ich auf meiner Facebook-Seite einen Aufruf platziert und meine Bekannten nach ihren Favoriten gefragt. Das Resultat ist zwar nicht repräsentativ, aber doch interessant. Was hat am meisten Eindruck gemacht? Hier die Resultate einer spontanen Facebook-Umfrage: An erster Stelle genannt wurde das Dokumentarfilm-Festival Visions du Réel von Nyon, das jeweils von Mitte April bis Anfang Mai stattfindet. Die Festivalleitung hat die Filme während einer begrenzten Zeit aufs Internet geladen. Das Angebot kam beim Publikum an. Für mich ist das nicht nur eine Notlösung, sondern eine spannende Bereicherung des Festivals. Nicht jeder hat die Zeit und die Mittel und das Sitzleder, um im Frühjahr mehrere Tage an den Genfersee zu reisen. Es wäre zu hoffen, dass man das in Nyon auch in Zukunft so sieht. Ebenfalls beliebt: Das Zürcher Opernhaus hat einen Online-Spielplan erarbeitet und bietet jedes Wochenende eine grosse Produktion an: Nussknacker, Rigoletto, Wozzeck und vieles mehr. Erlaubt sei die Frage, warum man das nicht schon früher gemacht hat, denn die Aufzeichnungen waren offenbar vorhanden!

Das Landesmuseum Zürich bietet auf seiner Seite nicht nur einen Blog mit ständig aktualisierten Beiträgen, sondern auch virtuelle Rundgänge zu den Ausstellungen an.

Auch die Museen haben mitgezogen: Das Landesmuseum Zürich bietet virtuelle Rundgänge an und weist auf seinen dreisprachigen Blog mit drei Artikeln pro Woche hin. Alex Rechsteiner vom Schweizerischen Nationalmuseum sagt dazu: „Wir bekommen viele positive Rückmeldungen. Wir sind froh, dass wir bereits ein gutes digitales Angebot hatten und nun darauf aufbauen können. In anderen Bereichen, zum Beispiel bei den virtuellen Rundgängen, hat die Krise die Innovation befeuert. Gewisse Dinge hat man vorher schon intern ausprobiert, aber die Priorität war nie so hoch, dass man es dann durchgezogen hätte wie jetzt“. Besonders interessant fand ich die Aussage: „Corona hat sicher dazu geführt, dass die Möglichkeiten des Digitalen auch bei Mitarbeitenden angekommen sind, die vorher wenig damit zu hatten.“

Corona hat viele Veranstalter auf dem falschen Fuss erwischt – und natürlich ist die Krise eine Katastrophe für die Kulturszene. Besonders kompliziert war es beim Popfestival des Migros-Kulturprozent, dem m4music, das Ende März hätte stattfinden sollen. Als sich die Schwierigkeiten anfangs März abzuzeichnen begannen, plante man eine Mini-Ausgabe im Jazz-Club Moods. Dieser verfügt über eine professionelle Videoaufzeichnungs-Einrichtung. Man hätte dann einen Tag lang Konzerte, Diskussionen und Preisverleihungen per Live-Stream übertragen. Aber auch daraus wurde nichts, berichtet Festivalleiter Philipp Schnyder. Das Festival wurde in einem komplett neuen Format durchgeführt: Verteilt über mehrere Wochen, finden nun online Events statt. Dazu gehören Online-Konferenzen, wo die Panelisten zuhause sitzen. Ähnlich läuft auch die Preisverleihung beim Wettbewerb „Demo of the Year“ ab.

Natürlich ist das alles nicht ideal, und wir alle sehnen uns nach Festivals, wie wir sie kennen: mit viel Bier, Tratsch und Klatsch und Überraschungen – Networking heisst das bekanntlich. Hat man trotzdem etwas aus den Online-Aktivitäten gelernt?  Die Antwort des Festivalleiters Schnyder hat mich verblüfft: „Unbedingt“, meinte er. Die Bereitschaft zum Austausch via Video ist viel grösser geworden. „Ich kann mir nun plötzlich ganz neue Formate überlegen. Wir könnten zum Beispiel mit Musikern und Pop-Spezialisten aus Lateinamerika, aus Asien oder dem Nahen Osten reden und Grenzen und Kontinente damit überschreiten. Wir werden neue Communities entwickeln können und schon in sechs Monaten wird uns das alles weniger fremd vorkommen.“

Die Zukunft von grösseren Veranstaltungen – dazu gehören nicht nur Popkonzerte, sondern auch klassische Konzerte und Opern – ist höchst ungewiss. Wird es im Winter und Frühjahr 2021 wieder solche Anlässe geben? Konzerte, wo 1’000 Leute dicht gedrängt und schwitzend in einem Saal stehen? Wir wissen es nicht! Hört man auf die Wissenschaft – Stichworte Zweite Welle, Impfung etc. – dann müssen wir wohl weiterhin vorsichtig sein.

Uns allen ist klar, dass Live-Übertragungen das richtige Konzerterlebnis nicht ersetzen können. Gedacht war es ja immer als Ergänzung. Nun ist alles anders und wir müssen uns wohl mit diesen Perspektiven befassen. „Wo Not ist, wächst das Rettende auch“, heisst es in einem Hölderlin-Gedicht. Und wenn die Krise einmal überstanden ist – was durchaus dauern kann – werden wir alle vertraut sein mit den neuen Mitteln der Kulturverbreitung. So hat dann auch die Corona-Krise noch ihr Gutes.

Das alles gilt für die Sicht des Publikums. Aus der Sicht des Kulturschaffenden sieht es schlimmer aus: Viele Kulturschaffende haben praktisch über Nacht ihr Einkommen verloren. Kurzfristig ist das dramatisch, langfristig könnte es eine Katastrophe sein und dazu führen, dass sich Kulturschaffende nach ganz neuen Berufen umsehen müssten. Das gilt es zu verhindern – und ich denke, hier ist die Kulturförderung mitgefragt.

Eine digitale Produktion hat es mir besonders angetan: Der Chor der Pädagogischen Hochschule Zürich hat online einen Song produziert, der unter die Haut geht. Der Clou: Dirigentin, Sängerinnen und Sänger und auch der Pianospieler sitzen zuhause. Wie das genau gemacht wurde, ist mir zwar nicht klar – bis vor kurzem waren solche Produktionen nämlich aufgrund der Latenz der Verbindungen, also den Verzögerungen, gar nicht möglich. Eine neue Software macht das nun offenbar möglich.

Online-Version des Songs “Für immer mi” von Patent Ochsner gesungen vom Chor der Studierenden der PH Zürich.

Der Artikel entstand ursprünglich für die Jubiläumsseite des Studienganges Kulturmanagement der Uni Basel. Zu einem ähnlichen Schluss kommt nun offenbar eine Studie der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, die Mitte Mai 2020 veröffentlicht werden soll.