Schweinebraten und Zwingliwürste

Vor ein paar Tagen hat Patrick seinen Besuch bei uns angekündigt. Er lebt zurzeit in Khost in Afghanistan, wo er ein Büro für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz leitet und den Opfern des nicht endend wollenden Bürgerkrieges hilft. Natürlich hat uns die Anfrage sehr gefreut. Meine spontane Frage, die ich per WhatsApp um die halbe Welt geschickt habe: Was willst Du essen? Es dauerte keine Minute und die Antwort kam in Grossbuchstaben: SCHWEINEBRATEN. Meinst Du das ernst, fragte ich. Ja absolut, so die Antwort. Nun gut, Schweinebraten gibt’s tatsächlich nicht in Afghanistan. Der Islam verbietet den Genuss von Schweinefleisch und wenn man länger hier ist, kann einem schon mal der Gluscht nach einem fetten Schweinebraten plagen.

Nun mittlerweile war Patrick da und wir haben bei Schweinebraten und einem Glas Wein ausgiebig Zeit gefunden um über Gott und die Welt zu reden, so wie das eben ist wenn man sich ein paar Monate lang nicht mehr gesehen hat. Der Schweinebraten war ein willkommener Anlass über die Speisevorschriften und unsere komplizierte Haltung zum Essen zu philosophieren. Aus volkskundlicher Sicht ist es ganz einfach. Viele Kulturen kennen solche Nahrungsvorschriften. Das Verbot Schweinefleisch zu essen im Judentum und im Islam ist nur das Bekannteste, weniger bekannt ist vielleicht, dass auch Blut dazu gehört. Kühe gelten den Hindus als heilige Tiere und dürfen deshalb nicht gegessen werden. Auch wir kennen solche Tabus: Hundefleisch zum Beispiel wird in der westlichen Hemisphäre nicht gegessen, in China hingegen ist es eine Delikatesse. Der Genuss von Pferdefleisch war in Europa im Mittelalter durch ein päpstliches Gesetz verboten. Ganz exotisch mutet das Hasentabu an, das offenbar bei den Kelten galt. Die interessantesten Speisevorschriften habe ich bei den Jains in Indien kennengelernt. Das ist eine kleine religiöse Gruppe, die vor allem durch ihre grossartigen Tempel bekannt sind. Zu ihren Geboten gehört der absolute Verzicht auf Gewalt gegen jegliche Lebewesen. Deshalb leben sie streng vegan und nicht nur das: Sie meiden auch Gemüse, die unter dem Boden wachsen also Kartoffeln, Karotten und ähnliches. Durch das Ausgraben könnte Lebewesen Leid angetan werden. Gewisse Angehörige tragen auch einen Mundschutz um das Einatmen von Insekten zu vermeiden.  

Zurück in die Gegenwart und die Schweiz: Mir scheint unsere Würste und darunter vor allem der Cervelat haben auch einen speziellen Status. Mehr als einmal waren sie in den letzten Monaten Gegenstand von öffentlicher Erregung, die sich vor allem in den sozialen Netzwerken manifestiert hat. Es ging meist um Anlässe mit Kindern mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund. In einem Fall hatte eine Lehrerin gebeten, zum Grillieren keine Cervelats mitzubringen, damit auch die Kinder aus muslimischen Familien mitessen konnten. Das  wiederum hat zu tagelangen Empörungswellen geführt  und wurde vor allem von SVP-nahen Kreisen regelrecht ausgekostet. Nun kann man sich zu Recht fragen, ob sich die Aufregung lohnt und natürlich kann man sich auch einfach still darüber amüsieren nach dem Motto „Diese Sorgen möchte ich haben“. Interessant ist trotz allem die Ursache – es geht nämlich um die Wurst und da verstehen wir keinen Spass, vor allem wenn damit die Gefahr einer Islamisierung der Schweiz beschworen werden kann. Gut, dass wir an jenem Abend mit Patrick darüber reden konnte denn ganz zuletzt stiessen wir auf eine ganz wunderbare Wurstgeschichte. Patrick hat Theologie studiert und kennt sich deshalb auch in der Religionsgeschichte aus. Er verwies auf das Zürcher Wurstessen aus der Reformationszeit. Es fand 1522 am ersten Sonntag der Fastenzeit, also am 9. März 1522  in Zürich statt. Der Zürcher Drucker Christoph Froschauer hat damals zusammen mit weiteren Bürgern demonstrativ gegen das Fastengebot verstossen und Würste gegessen. Mit dabei war auch der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli, der selber allerdings keine Würste gegessen haben soll. Gegessen wurden übrigens nicht nur Rauchwürste sondern auch Fasnachts-Chüechli. Der Sinn war klar: Weil es für das Fasten keine biblische Begründung gab, war die Sache für die reformwilligen Zürcher hinfällig. Bei der folgenden Bemerkung, die ich in der Wikipedia gefunden habe, bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich ernst gemeint ist: Das Wurstessen soll für die Reformation in der Schweiz wie die reformierte Kirche allgemein eine ähnlich bedeutende Rolle wie der Wittenberger Thesenanschlag für die Reformation in Deutschland und die lutherischen Kirchen gehabt haben. Nun freue ich mich auf den Zwingli-Film – Regisseur Stefan Haupt hat sich die wunderbare Wurst-Geschichte natürlich nicht entgehen lassen. En Guet dann.

Kleiner Nachtrag: Die Metzgerei Brunner in Turbenthal hat sie nachgemacht – die Zwingliwurst, angeblich nach einem Originalrezept. Auf der Homepage der Metzgerei gibt’s noch etwas Wissenswertes zu lesen: “Die Zwingli-Wurst ist eine offizielle Marke der Zürcher Landeskirchen. Wir freuen uns in Zusammenarbeit mit der reformierten Kirche Zürich exklusiv die Zwingli-Wurst herstellen zu dürfen.”

Der Metzger Georg Brunner mit seinen Zwingliwürsten.
Prominente Gäste beim zweiten Zürcher Wurstessen 2019: Der Abt des Klosters Einsiedeln, Urban Federer OSB zusammen mit Vertretern der protestantischen Landeskirche.
Werbe-Banner bei der Metzgerei Brunner Turbenthal. Foto Dominik Landwehr 19.1.2019