Lustbarkeiten im Bade: Der Renaissancegelehrte Poggio über die Bäder zu Baden im Jahre 1417

Thermalbäder waren in der Vergangenheit Zentren der Lustbarkeit im wörtlichen Sinn. Das zeigt etwa ein Dokument des Renaissancegelehrten Poggio Bracciolini (1380 – 1459). In einem Brief aus dem Jahre 1417 schildert er in prächtigen Farben den Badebetrieb im aargauischen Baden. Die Gegenwart heute sieht da etwas anders aus.
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Die Bilder entstanden anlässlich einer Führung durch den stillgelegten Verenahof in Baden am 13.November 2014. Er erinnert heute an eine Industrieruine aus der ehemaligen Sowjetunion. Den Hinweis zum Texte verdanke ich der kundigen Führerin Silvia Hochstrasser. Er ist übrigens in einer neueren Übersetzung in der ETH Bibliothek vollständig online zu finden.
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Auszüge aus dem Brief von Poggio Bracciolini an seinen Freund Nicolo vom 4.Mai 1417
Viel Aufhebens machen die antiken Schriftsteher von den Bädern in Puteoli, wohin, um sich zu vergnügen, fast das ganze römische Volk strömte: Doch in keiner Weise, glaube ich, konnten es die Bäder von Puteoli mit den hiesigen in der Annehmlichkeit aufnehmen, und man darf sie überhaupt nicht mit unserm Bade hier vergleichen. Denn zum angenehmen Aufenthalt in Puteoli trug mehr die Lieblichkeit der Gegend und der Bauten Pracht bei als die frohe Laune der Menschen oder der eigentliche Badebetrieb. Während hier jedoch die Gegend Geist und Gemüt keine oder nur geringe Entspannung gewährt, bietet alles andere unendliches Wohlbefinden, so dass ich oftmals meine, Venus sei aus Cypern mit allem, was es auf der Welt an Lustbarkeiten gibt, hierher zu diesem Bade gepilgert
Am ersten Tag gelangten wir im Boot auf dem Rhein zur Stadt Schaffhausen, 24 Meilen weit; danach mussten wir, weil der Fluss in einem riesigen Wasserfall zwischen abschüssigen Bergen über schroffe Felsen rauscht, zehn Meilen weit zu Fuss gehen. Wir machten Station bei einem Schloss, das über dem Rhein gelegen ist, mit Namen Kaiserstuhl; das bedeutet in einheimischer Zunge des Kaisers Wohnsitz. Dass dieser Ort einst ein Römerlager gewesen, schliesse ich aus dem Namen wie aus seiner günstigen Lage, das heisst: er liegt auf einem markanten Hügel hoch über dem Fluss; eine kleine Brücke steht die Verbindung zwischen Gallien und Germanien her.
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Darauf kommt dann Baden, eine ziemlich reiche Stadt – in der Sprache der Alemannen nach dem Bade so benannt -, gelegen in einem Talkessel, den rings hohe Berge umragen, an einem grossen, reissenden Flusse, der in den Rhein mündet sechs Meilen unterhalb der Stadt. In der Nähe der Stadt, vier Stadien weit, ist über dem Fluss ein herrlicher Gebäudekomplex erbaut, um die Quellen zu nutzen. In der Mitte dieses Komplexes ist ein sehr weiter Platz, und ringsum liegen prächtige Gasthäuser, die eine Menge Leute beherbergen können. Die einzelnen Gebäude haben ihre eigenen Bäder im Innern, in welchen diejenigen für sich baden, die dort abgestiegen sind. Bäder im ganzen, gemeine wie private, sind es ungefähr dreissig: Gemane gibt es zwei in aller Öffentlichkeit auf beiden Seiten des Platzes, die Badebassins der Menge und des niedern Volkes, in welche Frauen und Männer, Jünglinge und unverheiratete Mädchen und der Abschaum des Volkes, das von überall herzudrängt, hinabsteigen. In diesen Bassins scheidet ein durchbrochener Verschlag, wie er jedenfalls nur Friedfertigen Respekt einflösst, die Männer von den Frauen. Es macht Spass zuzusehen, wie abgetakelte Weibsbilder zusammen mit jüngeren nackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen und ihre Scham und ihre Hinterbacken den Leuten zur Schau stellen.
Gelacht hab’ ich öfter über dieses so herrliche Schauspiel, während vor mein inneres Auge die Spiele des Florafestes traten, und bei mir selber bewunderte ich die Einfalt dieser Leute, die auf das alles nicht besonders aufmerken noch irgend etwas argwöhnen oder es mit spitzer Zunge glossieren.
Die Bäder jedoch, die in den Privathäusern sind, sind überaus fein, und auch sie werden von Männern und Frauen gemeinsam benutzt. Eine Art Bretter-verschlag scheidet sie in zwei Hälften, und darein sind sehr viele Fensterchen eingelassen, durch welche sie miteinander trinken und schwatzen, von der einen nach der andern Seite sich sehen und miteinander anbändeln können, wie das bei ihnen gang und gäbe ist Über den Bassins laufen rundum Estraden, auf welchen die Leute sich einfinden, um zuzuschauen und mit¬ einander zu plaudern. Denn jedermann darf besucheshalber, zu einem Gespräch, um eines scherzhaften und entspannenden Vergnügens willen die Bäder der andern aufsuchen und sich dort aufhalten, so dass man die Frauen beim Aussteigen aus dem Wasser und beim Hineinsteigen betrachten kann, wie sie am grösseren Ted des Körpers nackt sind.
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Keine Türhüter überwachen die Zugänge, keine Türen stehen einem im Weg, keiner argwöhnt Unanständiges. An mehreren Orten benutzen gar Männer und Frauen denselben Eingang ins Bad, so dass es sehr oft vorkommt, dass ein Mann einer nackten Frau, eine Frau einem nackten Manne begegnet. Die Männer tragen lediglich einen Lendenschurz, die Frauen aber ziehen sich beinlange Leinengewänder über, die freilich an der Seite ganz offen sind, so dass sie weder Hals noch Brust noch Ober- und Unterarme bedecken, öfter speisen sie geradewegs im Wasser auf gemeinsame Kosten, wobei ein auf dem Wasser schwimmender Tisch gedeckt wird; auch Männer pflegen bei diesen Gastereien dabei zu sein. Sogar ich ward in dem Haus, in dem ich badete, einmal zu einer solchen Veranstaltung dazu geladen; selbstverständlich zahlte ich meinen Beitrag, dabei sein wollte ich nicht, mochte man mich auch noch und noch bitten. Nicht, dass ich Hemmungen gehabt hätte – das gilt als hinterwäldlerisch und unfein -, sondern meine Unkenntnis der Sprache hält mich ab. Blöd käme ich mir vor als Italiener, der ihre Sprache nicht kennt, zusammen mit den Damen im Wasser zu sitzen, stumm und sprachlos, wo ich mir den ganzen Tag schlürfend und nippend hätte vertreiben müssen. Zwei meiner Freunde jedoch gingen ins Bad und befanden sich sehr wohl dabei, waren mit ihnen zusammen, flirteten, tranken und assen mit ihnen, machten Konversation, wenn auch mittels eines Dolmetschers von Zeit zu Zeit fächelten sie den Damen Kühlung zu:
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Pro Tag drei oder vier Mal betritt man das Bad, bringt darin den grössern Teil des Tages zu, teils mit Singen, teils mit Trinken, teils mit Reigentänzen; sie machen nämlich auch im Wasser Musik, wenn sie sich dort ein wenig niederlassen. Bei alledem am reizendsten anzuschauen sind die Mädchen: schon dem Manne erblüht, schon voll im heiratsfähigen Alter, mit strahlendem und freiem Antlitz, Göttinnen gleich in Gestalt und Gehaben; beim Musizieren und Singen nämlich ziehen sie ihre Gewänder ein wenig nach rückwärts und lassen sie auf dem Wasser hin und her wallen, so dass du glauben könntest, du habest eine geflügelte Venus vor dir. Die Frauen haben die Gewohnheit – wenn die Männer über ihnen auf sie herabschauen- scherzend um eine Spende zu bitten. Also wirft man ihnen kleine Münzen zu – den schöneren gewiss -, welche sie teils mit den Händen auffangen, teils, indem sie ihre Leinengewänder aufspannen, wobei die eine die andere zur Seite drängt; bei diesem Spiel werden auch verborgenere Teile des Körpers enthüllt. Man wirft ihnen ausserdem auch Kränze von allerlei Blumen zu, mit welchen sie ihr Haupt schmücken, während sie sich im Badetum¬
meln.
Wenn du aber fragst, wie die Heilkraft des Wassers sei, so muss ich antwor¬ ten: verschiedenartig und vielfach, ganz besonders eine Wirkung aber ist wunderbar und beinah göttlich: Ich behaupte, dass es nirgends auf der Welt ein Bad gibt, das für die Fruchtbarkeit der Frauen förderlicher wäre. Da also recht viele wegen ihrer Unfruchtbarkeit herkommen, erfahren sie die wunderbare Kraft dieses Bades; denn sie befolgen sorgfältig die Vorschriften, nach welchen die Heilmittel bei den Frauen angewandt werden, die nicht empfängnisfähig sind.
So siehst du hier zahllose sehr schöne Frauen ohne ihre Männer, ohne Verwandte, mit zwei Zofen und einem Knecht oder irgendeinem alten Mütterchen aus der weitläufigen Verwandtschaft, das man geschwinder hinters Licht führen als satt machen kann: Eine um die andere jedoch kommt – je nach Vermögen – mit Roben, Gold, Silber und Edelsteinen angetan daher, dass du ausrufen möchtest, sie seien nicht zur Badekur, sondern zu einer hochherrschaftlichen Hochzeit hergereist. Auch vestalische Jungfrauen oder – um eher die Wahrheit zu sagen – Florapriesterinnen, auch Äbte, Mönche, Ordensbrüder, Priester leben hier in grösserer Freiheit als die übrigen, und zumal, wenn sie mit den Frauen zusammen im Bad sind und auch ihr Haar mit Kränzen schmücken, sind alle ihre religiösen Skrupel verflogen. Auch ihnen steht der Sinn nur darnach, der Traurigkeit zu entfliehen und die Fröhlichkeit zu gewinnen, an nichts Gedanken zu verschwenden ausser, wie sie heiter dahinleben, wie sie die Freuden geniessen können. Es geht dabei nicht darum, die allgemeine Freude zu verzetteln, sondern alle teilhaben zu lassen an den Freuden des einzelnen.
Zitiert nach dem `Neujahrsblatt Baden 1980.
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