Rauhnächte

Die Tage zwischen der Wintersonnenwende und Dreikönig gelten im populären Glauben als Rauhnächte und um diese Rauhnächte ranken sich mancherlei Geschichten.
wild-hunt-pano.jpg


Mein Vater pflegte mit uns drei Buben am 24.Dezember jeweils in den Zoo zu gehen, währendem die Mutter den Christbaum schmückte. Diese Zoobesuche hatten immer eine besondere Magie. Wir waren fast allein im Wunderreich der Tiere und wir Buben wussten genau: Heute gegen Mitternacht würden diese Tiere alle sprechen können. Wie schön wäre es, diese Nacht einmal hier verbringen zu können und ihnen dabei zuzuhören. Was würde uns der Eisbär zu erzählen wissen, was würde uns der Orang-Utan berichten und was würden wir vom Löwen zu hören bekommen? – Aber bevor es soweit war, ging es heimwärts. Die Geschenke, die unter dem Christbaum warteten, waren auch nicht zu verachten. Vorher aber machten wir noch einen Abstecher ins Hotel Central, wo es an Weihnachten für uns Buben schon mal einen Schluck Bier zu trinken gab. Naja, man war in den 60er Jahren noch nicht so streng in diesen Dingen und geschadet hat es offenbar keinem von uns drei.
Wie ist das nun mit den sprechenden Tieren? – Tauchen sie in der Weihnachtsgeschichte auf. Nein, denn weder der Evangelist Lukas noch Matthäus kennen die sprechenden Tiere. Tatsächlich hat diese Geschichte auch keinen christlichen Ursprung. Sie gehört zum Volksglauben rund um die sogenannten Rauhnächte. Das sind die zwölf Nächte rund um den Jahreswechsel, denen der traditionelle Volksglaube früher besondere Bedeutung beigemessen hat. Vier dieser Nächte sind besonders wichtig: Die Nacht der Wintersonnenwende, der Heilige Abend, die Silvesternacht und die Dreikönigsnacht.
Warum gerade diese Zeit mit viel Vorstellungen verbunden ist, wissen wir nicht genau. Übergänge und dazu zählt auch der Jahreswechsel, so sagen uns die Volkskundler, sind immer schwierige und gefährliche Zeiten und so wurde oft angenommen, dass in diesen Zeiten die Gesetz der Natur ausser Kraft gesetzt sind und die Grenzen zu anderen Welten fallen. Es könnte auch ein kalendarisches Problem dahinter sein: Das Mondjahr der alten Kalender hat weniger Tage als der moderne gregorianische Kalender. Die zusätzlichen Tage sorgten für Unruhe. Die Rauhnächte sind Zeit in der nach populärer Überlieferung manches aus dem Lot gerät und beispielsweise die Tiere sprechen können. Nur: Wer sie hört, muss bald sterben, gut also, dass wir Buben nie im Zoo geblieben sind. Unverheiratete Frauen können an einem Kreuzweg oder an anderen magischen Orten ihren zukünftigen Mann sehen. Der Gefahr begegnete man mit Fasten und Beten. Man darf keine weisse Wäsche draussen aufhängen. Hier könnten sich Geister, Werwölfe und Arme Seelen auf ihrer Wilden Jagd verfangen.
Die Wilde Jagd ist ein wichtiges mythologisches Motiv der Raunächte. Es gibt diese Vorstellung in allen europäischen Kulturen vom hohen Norden bis nach Sizilien. In der Schweiz spricht man vom Wüetisheer. Berichte sind in vielen alten Chroniken zu finden. Und gemeint ist damit ein Geisterzug, der mit fürchterlichen Geräuschen, mit Johlen, Heulen und Jammern durch die Lüfte zieht. An diesem Zug nehmen Männer, Frauen und Kinder, die durch einen gewaltsamen Tod aus dem Leben geschieden waren Teil. Die Wilde Jagd ist für den Menschen ungefährlich, doch erscheint es ratsam, sich im Haus einzuschliessen und zu beten. Und provozieren soll man die Gestalten dieser Wilden Jagd nicht.
Woher kommen diese Vorstellungen? – Man nimmt heute an, dass diese magische Ideen tief verwurzelt sind und möglicherweise schon aus vorchristlicher Zeit datieren. Man mag heute darüber lächeln, aber diese Ideen haben mit den Ängsten der Menschen zu tun. Wie dunkel muss die Nacht vor der Erfindung des künstlichen Lichtes, gewesen sein? – Wie lange waren die Wege zum nächsten Ort vor der Erfindung der modernen Verkehrsmittel? Was wenn gerade in dieser Zeit ein Kind oder ein anderer lieber Mensch krank wurde?
Warum haben die Menschen nicht zum christlichen Glauben Zuflucht genommen? Volkskundler und Religionswissenschafter weisen darauf hin, dass gerade die christliche Religion in vielen Fällen zu kompliziert war um vom Volk verstanden zu werden. Der Volksglaube hat deshalb nicht selten christliche Rituale oder Glaubenshinhalte vereinfacht oder umgedeutet. Das Weihwasser erhielt dann schnell magische Bedeutung, die lateinischen Gebete wurden zu Zaubersprüchen und unter den Heiligen gab es manche merkwürdige Gestalten, darunter etwa einen Windhund, der auch angebetet wurde. Vereinfachte und umgedeutete Glaubensinhalte kennt man übrigens auch bei den Juden. Zu nennen ist vor allem der Chassidismus mit seinen unzähligen Erzählungen und Wunderrabbis, der das Bedürfnis des Volkes nach einfachen Mythen bedient hatte, im Islam hat der Sufismus die magischen und mystischen Wünsche befriedigt.
Und heute? – Sind wir erhaben über solche Ideen, geheilt von diesen Vorstellungen? – Keineswegs. Unser Alltag ist voll von magischen Vorstellungen. Freitag der 13. macht vielen heute noch Angst, die schwarze Katze, die über den Weg läuft, bringt Unheil und in der Silvesternacht kann man mit Bleigiessen die Zukunft erraten. Tarotkarten haben Hochkonjunktur. Das deutsche Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” hat diesen Vorstellungen sogar die aktuelle Titelgeschichte gewidmet: “Zwischen Religion und Magie: Woran glaubt der Mensch” heisst es da zu einem Bild der Gottesmutter Maria mit einer schwarzen Katze. Ganz wundersam und magisch geht es auch in Hollywood zu und her: Da wimmelt es von Werwölfen, von Ausserirdischen, von Monstern aus der Tiefe. Das Kino ist wie sonst kaum ein Medium in der Lage, unbestimmte Ängste in Geschichten umzuformen.
Die Psychoanalyse hat eine einfache Begründung für diesen Boom; Sie erscheint recht plausibel: Je stärker man das Unbewusste ausgrenzt, desto mächtiger kommt es an einem anderen Ort zurück. Was tun wir nun mit diesem Wissen? – Mir scheint eine gewisse Gelassenheit angezeigt, das Wissen, dass in unserer Welt nicht immer alles nach den Gesetzen der reinen Vernunft abläuft. Hinter vielen scheinbar rationalen Entscheidungen in der Politik, aber auch in unserem Alltag stecken magische Ideen, Ängste und Vorstellungen, die manche für überwunden halten…
Dieser Text erschien am 28.Dezember 2013 in der Rubrik “Standpunkt” im Tössthaler.
Bilder:
Peter Nicolai Arbo (Norway 1831-1892): Åsgårdsreien 1872
Johann Wilhelm Cordes (1824-1869): Die Wilde Jagd” – Skizze zum Gemälde 1856/57
Quelle: Wikisource
wilde-jagd-pano.jpg