Fälschung oder Realität: Zur Kontroverse um das Siegerbild des World Press Photo Award 2012

Das Gewinnerbild des renommierten World Press Photo Award 2012 zeigt eine erschütternde Szene mit zwei toten Kleinkindern aus dem Gazakrieg. Verschiedene Fotografen äussern nun die Vermutung, das Bild sei manipuliert und deshalb eine Fälschung. Solche Montagen zu machen war noch nie so einfach wie heute und ihre Entlarvung ist nicht immer simpel. Und die Diskussion um die fotografische Realität ist eine alte.


Der Titel für das beste Pressefoto aus dem Jahr 2012 wurde dem schwedischen Fotografen Paul Hansen von der Zeitung „Dagens Nyheter“ zugesprochen, die Zeitung gilt als führende liberale Tageszeitung in Schweden. Das Foto von Paul Hansen entstand im Kontext des Gaza-Konfliktes am 20.November 2012 Beit Lahiya im Norden von Gaza und zeigt zwei Männer die je ein totes Kind auf ihren Armen tragen, inmitten einer Gruppe von weiteren, trauernden Menschen. Das Bild beeindruckt sofort nicht nur wegen der Tragik und Trauer sondern auch wegen der Lichtführung. Eine enge Gasse umschliesst die Gruppe und gibt dem Bild einen szenischen Rahmen und eine grosse Raumtiefe. Das Foto erinnert dadurch fast mehr an ein Gemälde als an ein Foto. Die Jury hat es aus über 100 000 eingereichten Fotos ausgewählt!

Misstrauen gegenüber Siegerbild

Der Zürcher Fotograf Klaus Rózsa misstraut dem Bild. Er hält eine Montage für möglich. Das würde einer Fälschung gleich kommen:„Das Bild wurde extrem stark nachbearbeitet. Ich vermute, dass der ganze Hintergrund nachträglich ins Bild montiert wurde“. Ein zweites Bild von einem anderen Fotografen zeigt nämlich eine deutlich andere Szene. Dieses zweite Bild muss kurz vor oder kurz nach dem Siegerbild entstanden sein.
Das sind starke Vorwürfe. Rózsa ist bereits beim Veranstalter vorstellig geworden und hat dort eine Antwort erhalten, die ihn nicht befriedigt. Darin schrieb man ihm zum Thema Manipulationen am Bild:
“The content of an image must not have been altered. Only retouching which conforms to currently accepted standards in the industry are allowed. The jury is the ultimate arbiter of these standards and may at its discretion request the original, non-retouched file as recorded by the camera or an untoned scan of the negative or slide

Grenzenlose Möglichkeiten

Damit bleibt die Frage offen. Die Diskussion um dieses Bild wirft aber die grundsätzliche Frage auf, wie sich eine allfällige Fälschung überhaupt erkennen liesse. Tatsächlich sind die Möglichkeiten im Zeitalter von Digitalfotografie und Photoshop fast grenzenlos und werden namentlich in der Mode- und Werbefotografie bis zum äussersten ausgereizt. Kein Mensch kann so makellos sein, wie die Menschen, vorab die Frauen, die uns in der Werbung anlächeln und zum Konsum verführen.
Die Standards des Wettbewerbs sind streng und Montagen sowie Retuschen im Prinzip nicht zulässig, wie sich bei der Disqualifizierung eines Bild aus Kiew im Jahr 2010 zeigte. Der Fotograf Klaus Rózsa äussert seine Vermutung aber nicht leichtfertig. Er ist Jahrgang 1954 und arbeitet seit über 35 Jahren in diesem Metier, im Gegensatz zu vielen jüngeren Kollegen verfügt er auch über eine profunde Erfahrung in der analogen Fotografie und hat deshalb einen geschärften und kritischen Blick gegenüber den scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung. Rózsa wurde in verschiedenen gerichtlichen Auseinandersetzungen auch schon als Sachverständiger beigezogen und musste Gutachten zu vermeintlich manipulierten Bildern schreiben.
Wie kann man Manipulationen entlarven?
Klaus Rózsa rät in solchen Fällen auf die Rohdaten zu schauen. Auch in analoger Zeit standen bei der Belichtung des Papierbildes viele kreative Bearbeitungsmöglichkeiten zur Verfügung und ein Papierbild unterscheidet sich oft stark vom Negativ. Das ist bei der Digitalfotografie nicht anders: „ Man müsste die Rohdaten, die bei Profifotografen häufig im so genannten RAW-Format vorliegen, analysieren. Zudem macht ein Fotograf selten nur ein Bild allein, man könnte auch die ganze Serie anschauen und die so genannten Metadaten vergleichen“. In den Metadaten werden verschiedene technische Parameter und auch die Zeit festgehalten.
Gerade im Wettbewerb um das beste Pressefoto des Jahres werden aber diese Daten eingefordert. So heisst es dazu in den Bedingungen: „The content of the image must not be altered. Only retouching which conforms to the currently accepted standards in the industry is allowed.“
Alle Bilder müssen vor der Publikation egal ob online oder Print bearbeitet werden in Bezug auf Kontraste, Helligkeit, Farben, Dateigrösse etc. Ziel dieser Bearbeitungen ist es aber in der Regel, einen möglichst authentischen Bildeindruck zu erzeugen.
Inszenierte Realitäten
Welche Bearbeitung ist bei Pressebildern zulässig? Generell gilt auf Redaktionen die Faustregel: Bearbeitung ist okay, Montage nicht und auch das Wegretuschieren von Bildteilen ist untersagt. Wenn man nicht darum herumkommt, dann muss klar deklariert werden, dass ein Bild das Resultat einer Montage ist.
Auch wenn Bilder scheinbar authentisch sind, so stellen sich oft weitere Fragen in Bezug auf deren Entstehung: In vielen Kriegsschauplätzen lässt sich nicht mit eindeutiger Sicherheit sagen, ob das Bild wirklich am angegebenen Ort zur angegebenen entstanden ist. Entsprechende Fälschungen wurden gerade in jüngerer Zeit an verschiedenen Kriegsschauplätzen im Nahen Osten entlarvt.
Ein weiteres Problem liegt in der Tatsache, dass Fotos in Konflikt- und Kriegssituationen nicht selten richtig inszeniert werden. Die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT hat am 20.März 2012 die eindrückliche Arbeit „Photojournalism Behind the Scenes“ des italienischen Fotografen Ruben Salvadori präsentiert. Salvadori zeigt wie im Palästina-Konflikt Fotos gezielt Fotos inszeniert wurden.
Zur Realitätsfrage in der Fotografie
Die Frage des Realitätsgehaltes von fotografischen Bildern ist eine alte. Und Zeugnisse für Fälschungen begleiten die Geschichte der Fotografie. Gerade in totalitären Systemen wie in der Sowjetunion war die Versuchung gross, die fotografischen Zeugnisse dem jeweiligen Stand der Politik anzupassen, eine Praxis wie sie im Stalinismus üblich war. Die Sieger – und wohl auch die Verlierer – haben immer wieder versucht, ihre Herrschaft auch auf die Bilder auszudehnen und sie entsprechend anzupassen. Und auch die Praxis der inszenierten Realität gibt es seit je. Die frühsten Zeugnisse der Fotografie mussten allein schon wegen der langen Belichtungszeiten inszeniert werden. Immer wieder wurden auch gegenüber berühmten Dokumenten Zweifel geäussert, auch gegenüber Robert Capas Bild von 1936, das einen Kämpfer im Moment des Todes festhält.
Das Problem mit der Realität ist in die Fotografie eingeschrieben. Es hat mit dem Doppelcharakter des Bildes zu tun. Das Bild behauptet Abbild zu sein und ist doch immer eine Neuschöpfung. In der Malerei tun wir uns nicht schwer mit dieser Tatsache. Keiner würde hier einem Maler vorwerfen, er würde die Realität nicht authentisch wieder geben. Anders in der Fotografie. Wir wünschen uns ein Abbild der Realität und verkennen dabei, dass sie dies nie zu leisten vermag und zwar gleich aus zwei Gründen: Auch das fotografische Bild ist ein neues Bild, eine neue Schöpfung. Und zweites: Gibt es eine Realität ausserhalb unserer Wahrnehmung? – Oder gibt es nur einfach Wahrnehmungen und damit unzählige, individuelle Realitäten?
Was bedeutet das für die Praxis? – Müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass ein fotografisches Bild die Realität abbildet? – Die Erkenntnisse der Kunst- und Medientheorie in den Alltag zu übersetzen ist nicht einfach. Ein möglicher Weg wäre, eine Distanz zum Bild aufzubauen. Ein Misstrauen. Ein Fotograf bildet nicht ab. Er interpretiert die Welt, so wie es ein Maler, ein Schriftsteller und auch ein Journalist tut!
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