Einwanderer und Auswanderer oder wer war Jan Willem Holsboer?

Die Station Alp Grüm ist zwar nicht die höchstgelegene Haltestelle der Bernina-Bahn, aber bestimmt die spektakulärste: Die Aussicht ist atemberaubend und reicht vom Bernina Massiv mit dem Palü Gletscher hinunter ins Puschlav und am Horizont sieht man die Höhen des Veltlins. Auf dem Gleis steht ein hochmoderner roter Zug der Rhätischen Bahn.
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Made in Switzerland – gefertigt vom Thurgauer Eisenbahnbauer Stadler Rail. Bei meinen Reisen in Deutschland bin ich diesem Namen immer wieder begegnet, zuletzt in Kassel. Und nach Zeitungsberichten soll auch die nächste Serie von Zügen für die Berliner U-Bahn aus diesem Haus kommen.
Das sind drei Dinge, die mich freuen und irgendwie auch mit Stolz erfüllen: Erstens die Bergwelt der Bernina mit ihren Gletschern. Zweitens die über 100jährige Bahn, die den Veltliner Ort Tirano über unzählige Viadukte, Brücken, Tunnels und Kunstbauten über zwei Alpenpässe mit Chur verbindet. Die Bahn über Bernina und Albula ist seit 2008 Unesco Weltkulturerbe. Und drittens die Thurgauer Firma Stadler Rail; sie beweist, dass man in der Schweiz auch moderneste Züge bauen kann.
Auf der Lok der Albula-Bahn finde ich einen überraschenden Namen: Willem Jan Holsboer. Kein Bündner und auch kein Veltliner Name. Und bis vor kurzem wusste ich nicht ob das ein Gewinner der Winterolympiade von St.Moritz 1948 oder der Name einer holländischen Tulpenart ist. Das Rätsel wird an der Albula-Strecke gelüftet: In Bergün erzählt seit diesem Sommer das Albula-Bahn Museum die Geschichte dieser Bahnlinie und der Menschen, die damit verbunden sind. Jan Holsboer, so erfahren wir dort, lebte von 1834 bis 1899. Er war zunächst Kapitän in Holland und später im Leben Hoteldirektor in Davos. Als der Kanton Graubünden beim Bau des ersten Alpentunnels durch den Gotthard nicht berücksichtig wurde, entwickelte er die kühne Vision einer Kurbahn für Graubünden, wie er es nannte. Ihm gelang es auch bei europäischen Banken das Geld für die Realisierung der ersten Schmalspurstrecke von Landquart nach Davos aufzutreiben.
Willem Jan Holsboer ist einer jener Ausländer – heute würde man sagen Migranten – denen die Schweiz viel zu verdanken hat. Und er ist nicht der einzige: Georg Büchner, Albert Einstein, Walter Boveri, Thomas Mann, Hermann Hesse, Ernst Ludwig Kirchner – sie alle fanden Auskommen und Glück in unserem Land, als Wissenschafter, Ingenieure, Dichter oder Künstler. Und übrigens waren viele von ihnen Deutsche!
Das sind Gedanken, die mir in den Sommerferien im Bündnerland durch den Kopf gehen. Und dann denke ich an die unzähligen Auswanderer, welche das Bündnerland verlassen mussten um in der weiten Welt ihr Glück zu suchen. Berühmt geworden ist das Schicksal der Engadiner Zuckerbäcker, die im 19.Jahrhundert ihre Heimat verliessen. Das ehemalige Café Josty am Potsdamer Platz in Berlin – berühmt geworden als Schauplatz in Erich Kästners Emil und die Detektive – wurde schon 1798 von den Gebrüdern Josty aus Sils Maria eröffnet. Der Komponist Paul Juon (1872 – 1940) , er wurde in Moskau geboren und lebte in Berlin, auch er war das Kind einer Bündner Zuckerbäcker Familie.
Die Geschichte war der Schweiz in den letzten hundert Jahren gütig. Ob es auch im 21.Jahrhundert so bleiben wird, ist offen. Die Vorstellung, dass unser Boot voll sei, dass zum Beispiel 8 Millionen Einwohner für die Schweiz genug seien, ist problematisch. James Schwarzenbach hat in den 70er Jahren vehement versucht, die Zuwanderung zu begrenzen. Damals und heute war es die Schweiz, die nach Arbeitskräften gerufen hatte.
Solche Gedanken gehören dazu, wenn wir in Zukunft über das Thema Migration reden. Ach ja und noch etwas: Der erste Gotthardtunnel und die Albulabahn wurden von italienischen Mineuren gebaut, nicht wenige von ihnen bezahlten dafür mit ihrem Leben. Heute sind es soviel ich weiss, vor allem österreichische Mineure, welche unter Tag im Tunnelbau arbeiten. Und die Freude am Blick auf den Palü Gletscher ist heute nicht ganz ungetrübt, denn so wie es aussieht, wird die nächste Generation dies nicht mehr geniessen können. Der Gletscher wird dann weg geschmolzen sein
Dieser Text erschien am 25.August 2012 auf der Titelseite des Tösstalers unter der Rubrik “Standpunkte”

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