Mit Stasiuk unterwegs nach Babadag

Wintermorgen aus dem behaglichen Zugsabteil – draussen liegt Schnee, das Thermometer zeigte am frühen Morgen -8 Grad. Leichter Nebel liegt über der Landschaft zwischen Winterthur und Zürich. Zum zweiten Mal bin ich mit Andrjej Stasiuk unterwegs nach Babadag. Und bleibe schon nach 2 Seiten bei einem seiner Bilder hängen.


“Wir waren nach Nagykallo gekommen, weil hier unserem Reiseführer zufolge „am Endes des langen und gespenstisch leeren Platzes“ ein psychiatrisches Krankenhaus stehen sollte. Ich dachte, das könnte eine Metapher für den Osten Europas sein, die körperliche Gestalt angenommen hat. Die Vorstellung suggerierte das Bild eines grossen, staubigen Platzes, den verfallene Häuser säumten. Über den Platz ziehen von Zeit zu Zeit Truppen in verschiedensten Uniformen, die jedoch nie länger bleiben, als Raub und Vergewaltigung das erforderlich machen. Dann ziehen sie ab, und der heisse Staub der Ebene verhüllt die Reiter gleich wieder. Aus den Fenstern des Spitals blicken ihnen die Irren sehnsüchtig nach, weil in diesen östlichen Regionen die Staatsmacht, die Gewalt und der Wahnsinns schon immer miteinander lebten, in einer Verbindung, die einem Konkubinat gleicht, manchmal auch einer Ehe.”
Andrzej Stasiuk: Unterwegs nach Babadag. Im Kapitel: Beschreibung einer Reise über Ostungarn in die Ukraine. Frankfurt 2005. Suhrkamp. S.59

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