Gedanken über fotografischen Realismus

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DRI ist ein neues Schlagwort im Bereich der digitalen Fotografie. Ein einfaches Verfahren, das hyper-realistische Bilder ermöglicht. Einmal mehr Anlass für die Frage, was denn aus einem dokumentarischen Verständnis von Fotografie “erlaubt” ist.


DRI steht für “digital range increase” – gemeint ist damit ein Verfahren, welches den Kontrastumfang eines Digitalbildes vergrössert. Denn harte Kontraste sind der Feind der digitalen Bilder. Das Verfahren besteht vereinfacht gesagt darin, dass Bilder, die mit verschiedenen Einstellungen “übereinandergelegt” werden. Dabei wird für jeder Bereich der Fotografie mit der optimalen Belichtung wieder gegeben.
DRI ist Art Fotomontage. Das so entstandene Foto gibt aber seinen Montage-Charakter mindestens einem ungeübten Auge nicht preis. Und dies weckt die alte Frage, ob denn ein derartig entstandenes Foto noch “realistisch” sei. Gefragt wird mitunter, ob dieses Verfahren aus dokumentarischer Sicht “erlaubt” sei und verwiesen wird immer wieder auf die manipulativen Eingriffe in die Bilder etwa der sowjetischen Geschichte.
Die Diskussion ist interessant. Sie zeugt von einem Verständnis der FOtografie, die meiner Ansicht nach völlig falsch ist. Fotografie wird hier verstanden als getreues Abbild der Wirklichkeit. Dieser naive Realismus ist aber falsch und unhistorisch. Ein Foto ist genau so ein Artefakt wie ein gemaltes Bild. Ein Konstrukt und zwar lange bevor irgendwelche Eingriffe am Bild selber vorgenommen werden.
Als (Amateur) Fotograf bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wie will ich etwas darstellen. Ich vermeide bewusst den Begriff “abbilden”, denn meine Abbildung ist immer schon eine Darstellung. Ein einfaches Beispiel: Ich habe im rumänischen Tirgu Mures eine alte Ziegelei fotografiert. Die Ziegelei hat eine schreckliche Vergangeneheit: Sie war nämlich der Sammelplatz für die Juden aus jener Gegend, die noch spät im Jahre 1944 nach Auschwitz deportiert wurden. Natürlich ist davon heute nichts mehr zu sehen, es gibt auch keinen Gedenkstein, nicht einmal eine Tafel, die darauf hinweist. Ich habe das Problem ganz einfach gelöst, indem ich ein Stück Stacheldraht der Umzäunung mit ins Bild gerückt habe. Nun hat das Foto plötzlich einen Symbolwert. Man weiss zwar nicht, was hier passiert ist, aber man ahnt es…
Ein anderer Gedanke: Es mag heute eine gewisse Einigkeit über den Kunstcharakter der Fotografie geben. Dennoch wäre es interessant den anderen Diskurs einmal genau zu verfolgen und zu analysieren: Fotografie als Realität…
Erklärungen zum DRI finden sich unter anderem auf der Seite von www.digitalkamera.de

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