Die Zukunft des Internet

regi-office-1980-a.jpg
Fragt ein Journalist vor einigen Tagen, wie ich die Zukunft des Internets beurteile. Anlass für einige grundsätzliche Überlegungen.


Soll man ganz weit ausholen und antworten: Ja, natürlich, enorm. Oder ganz nah denken? – Ich habe für letzteres entschieden: Das Internet hat mein Leben weniger verändert, als ich auf den ersten Blick denke. Ich muss am Morgen aufstehen, Zeitung holen, Frühstück machen, Kinder wecken und in die Schule schicken, dann auf den Zug gehen, Sitzungen machen, leiten, Papiere schreiben, mich ärgern oder freuen, Aktivitäten vorbereiten, kürzere und längere Reisen unernehmen, Dinge ansehen, Leute treffen, Berichte, Papiere, Protokolle schreiben, Papier, Papier, Papier….
Aber dann eine andere Überlegung: Ich habe 1979 meine ersten Gehversuche im Journalistmus gemacht und ab 1980 fürs Radio gearbeitet. Das kleine Bild oben stammt aus jender Zeit – und hier gibts eine ganze Sammlung von Bildern von damals….
Die wichtigsten Arbeitsintrumente waren: Telefon, Telefonverzeichnis (Amtsbücher, Telefonbücher), eine mechanische Hermes Schreibmaschine und als begehrtes High-Tech Gadget ein Sucher, wie man sie damals in Spitälern verwendete. Das Handy war zwar erfunden, nur hiess es damals Autotelefon und war alles andere als handlich sondern sperrig und teuer und erlaubten nur Gespräche von einer Maximallänge von drei Minuten. Auch der Computer war erfunden aber den PC gabs noch nicht….
Es stimmt wohl, die Arbeit hat sich verändert. Der Alltag der Kommunikation hat sich verändert. Enorm und grundlegend. Unvergessen der Moment und die ungläubige Begeisterung, als ich zum ersten Mal online einen Bibliothekskatalog einsehen konnte. Keine Frage: Meine grenzenlose Neugier wird jeden Tag aufs neue genährt und nie gestillt, denn je grösser die Versuchungen sind, desto grösser die Gefahr darin zu verweilen….ich fresse mich täglich durch einen Zuckerberg und kann nie davon satt werden…
Der Alltag selber? Es ist wohl auch eine Frage der Wahrnehmung. Was ist in meinem Leben wirklich wichtig? Aus dieser Sicht hat sich mein Alltag nicht verändert. Wichtig sind: Beziehungen, Familie, Kinder, Gesundheit…
Und wieder die Provokation: Das Internet ist eine grosse Geschichte. Wir reden unentwegt darüber, lesen darüber, hören uns Geschichten an, werten jede auch noch so nutzlose Erfindung als grossen Fortschritt und kaufen, kaufen, kaufen. Immer wieder überlege ich: Wie klein wäre mein Verlust und wie gross der Gewinn in Bezug auf Zeit und Geld, wenn ich aus Prinzip immer nur das zweit, dritt oder viertneuste benutzen würde….
Internet und Digitalisierung: Eine grosse Verheissung. Und grosse Verheissungen können selten eingelöst werden: Die Verheissungen der Luftfahrt und Raketentechnik ausgedrückt in diesen wunderbaren, farbigen Science-Fiction Bildern wo die Häuserschluchten mit Miniaturflugzeugen gefüllt sind. Die Verheissungend er Atomenergie: Unendlich viel Energie zum Nulltarif. Und nun die Verheissungen des Internets: Unendliches Wissen, totale Konnektivität…geradezu religiöse Ideen.
Wunderbar deshalb auch einmal mehr Jochen Hörisch zu lesen. In seinem Aufsatz “Das Heilsversprechen der neuen Medien” etwa lesen wir: “Das Heilsversprechen der neuen Medien lautet nicht länger, dass wir in ferner oder näherer Zukunft dieser oder jener Erlösungserfahrung teilhaftig werden können – sondern vielmehr, dass eben hier und jetzt eine Kommunikation statthatt, die die Grenze zur Kommunion überschreitet” Und weiter
“…die neuen Medien sind, rein technologisch betrachtet, rein, leicht und schwerelos. Säße Luther auf der Wartburg an der Workstation, um die Bibel zu übersetzen, so hätte er kein Tintenfaß in Reichweite, um es auf den Teufel zu werfen, zu dessen Aufgaben es bekanntlich gehört, für Druckfehler zu sorgen. Siehe, die neuen Medien machen alles neu. Sie befreien uns von den schmutzigen Aspekten, die die traditionellen Medienströme kennzeichneten ? von der Druckerschwärze, vom eucharistischen Blutstrom und auch von der anrüchigen Materialität des pecunia-olet-Geldstroms. Die neuen Kommunikationsverhältnisse sind immateriell. Pixel sind weitgehend frei von Erdenschwere. Ton- und Lichtschwingungen tragen zur Leichtigkeit des Seins entschieden bei. Wir lösen uns zusehends vom Erdenrest. Ob wir damit auch erlöst sind, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht müssen wir nur dran glauben. Wir werden, da das Medium die Botschaft ist, alle dran glauben müssen.
“Das Internet ist eine gute Story”. Interview von Thomas Nötting mit Dominik Landwehr. in: Werben & Verkaufen. Innovation 3/2005. S.34
Download file
Jochen Hörisch: Die Heilsversprechen der neuen Medien. In: Ders.: Gott, Geld Medien. Frankfurt 2004. Edition Suhrkamp 2363.
Der Text von Hörisch basiert auf einer Rede, die er am 17.Juni 1999 am Deutschen Kirchentag gehalten hat und der Text ist – oh Wunder – auch integral online zu finden.